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Ballett in Düsseldorf : Wenn der Adler Walzer tanzt

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Der Tanz der Derwische kann auch eine freundliche Natur feiern: Szene aus dem Ballett „Pacific“ von Mark Morris. Bild: Oper am Rhein/Gert Weigelt

Sportliche Anmut, ganz ohne Musik: Der Ballettabend „b.40“ an der Düsseldorfer Oper am Rhein begeistert mit „Locus Trio“ von Trisha Brown, „Pacific“ von Mark Morris und anderen Americana.

          Mark Morris ist der einzige lebende Choreograph, dessen Stück bei dem großartigen neuen vierteiligen Ballettabend „b.40“ in der Deutschen Oper am Rhein präsentiert wird. „Pacific“, 1995 für das San Francisco Ballet geschaffen, steht als Eröffnung des Programms vor drei Meisterwerken der Moderne/Postmoderne, jener für den Tanz unvergesslichen Ära: „Locus Trio“ von Trisha Brown, „Night Wandering“ von Merce Cunningham und, musikalisch aus dem Rahmen des zwanzigsten Jahrhunderts fallend, die „Offenbach Overtures“ von Paul Taylor.

          Der Lebende unter den 2009 (Cunningham), 2017 (Brown) und 2018 (Taylor) Verstorbenen ist eine Wahl, die den Wählenden, den Künstlerischen Direktor Martin Schläpfer, auszeichnet. Denn nicht nur dürfte Morris hierzulande der Unbekannteste der vier sein, er ist in der Tanzwelt auch der populärste unter ihnen. Brown, Cunningham und Taylor haben nie eine Unze Kompromiss in ihr Werk gemischt, Morris hingegen bewies oft eine gewisse Affinität zur Popkultur. „Pacific“ aber fehlt jede Gefälligkeit, auch wenn Lou Harrisons Musik, Dance, Rhapsody, Song und Allegro aus dem Trio für Violine, Violoncello und Klavier, dem Ohr eher schmeichelt, als es avantgardistisch anzustrengen. Vor den himmelblau abstrakten Bühnenprospekt eilen drei Männer, deren weiße weite Röcke Derwischen würdig schwingen. Die Kleider der später hinzukommenden Frauen sind ebenfalls weiß, auch um ihre Körpermitte akzentuiert ein monochromer Farbverlauf wie gebatikt die Taille, aber in Grasgrün. Der Tanz erinnert an die Moderne, immer wieder blickt man auf die Kreise bildenden Männer oder die diagonal erhobenen Arme größerer Formationen und denkt an Bewegungen Nijinskys. Der feierliche Gestus, die gesenkten Köpfe und seitlich hochgehobenen Beine könnten auch Martha Graham, die Ikone des American Modern Dance, hochleben lassen. „Pacific“ erzeugt so eine sommerliche, die freundlich gesinnten Elemente der Natur feiernde, taghelle Stimmung. Der Ernst und die Gemessenheit, mit der die schlichten Gesten und unkomplizierten Schritte präsentiert werden, gehen nicht auf dramatische Motive zurück, oder jedenfalls klingen diese nicht sichtbar an.

          Trisha Browns anmutiges wie sportliches „Locus Trio“, für die Stille choreographiert, behandelt die zwei Frauen und den Mann tänzerisch gleich. Alle schwingen sich ein auf den Rhythmus der eigenen, mit den anderen sekundenbruchteilgenau geteilten Bewegung. Musikalischen Takt brauchen die drei nicht, Atem und Fußsohlen sind schon die Musik, wie um an John Cage zu erinnern. Nun, mit einem von dessen engsten partners in crime, Robert Rauschenberg, arbeitete das mathematische und poetische Tanzgenie Brown eng zusammen. „Locus Trio“ könnte anderthalb Stunden gehen, tut es leider nicht, es geht viel zu schnell vorüber.

          Diese wunderschön gestreckten Beine, diese cool herausgeschobenen Hüften, dieser kommunikative Stil, mit dem die drei tanzen – wobei sich ihre Blicke immer wieder wie in lächelndem Einverständnis begegnen – von all dem und von dem Geräusch ihrer tanzenden nackten Füße kann man nicht genug bekommen. Ansteckender kann niemand einer konzentrierten Tätigkeit nachgehen als so, wie Feline van Dijken, Marjolaine Laurendeau und der besonders gute Sonny Locsin dies tun. Diane Madden zeichnet für die Einstudierung verantwortlich, und wenn man bedenkt, dass Brown zu Lebzeiten ganz New York auf die Beine brachte, wenn sie auch nur eine Audition für einen Workshop veranstaltete, und dass sie daher die weltbesten Tänzer die Ihren nennen konnte, dann staunt man, wie phantastisch diese drei vom Ballett am Rhein das nötige Understatement aufbringen.

          Noch einmal über den Haufen geworfen

          War der Morris verblüffend, das Brown-Stück aber darin, dass es eines ohne Musik war, so fällt einem angesichts von Merce Cunninghams „Night Wandering“ die Kinnlade herunter. Ein Duett von 1958, so großartig wie nur irgendeines von den zahllosen Traumduos, die er schuf, nur eben herausgelöst aus dem Umgebensein durch andere, nicht minder faszinierende Paare. Hier ist noch möglich, was Cunningham später mit herzlichem Gelächter verhinderte: der Fokus auf zwei Tänzer. Immer waren seine Stücke multizentrische Labyrinthe des Geistes und der Wahrnehmung, immer zog man den Kürzeren, wenn man wie ein Gierschlund alles kinästhetische Glück der Bühne gleichzeitig einsaugen wollte. Ging nicht! War unmöglich! Und man sah Cunningham lachen, den Kopf leicht in den Nacken legend, Picassos Pierrot bis ins hohe Alter, ein Jongleur des Zufalls, ein Verneiner nicht des Sinns wie Mephisto, sondern der Subjektivität.

          So wandert das Paar, wandern die tapfere Camille Andriot und ihr feldspielerhafter, ruhiger Begleiter Michael Foster in Pelzweste und Pelzkleid durch Lappland, wie der Tanzhistoriker David Vaughan im Rückblick auf die Stockholmer Premiere vermutete, zu Bo Nilssons „Bewegungen, Quantitäten und Schlagfiguren“.

          Der klassische Rausschmeißer warf das Bild der amerikanischen Moderne dann noch einmal über den Haufen: Paul Taylors operettenhafter kongenialer Offenbach-Scherz voller Ballettparodien, mit einem Duell als anekdotischem Höhepunkt des Gelächters. Die Düsseldorfer Symphoniker unter Patrick Francis Chestnut setzten den Schlusstusch unter eine musikalisch und tänzerisch herausragende Aufführung. So viel Amerika muss sein.

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