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Ballett: Trisha Brown Company : Seht doch nur die riesigen Seemonster!

  • -Aktualisiert am

Souveräner Gestus: Gehen, laufen, drehen, mit den Gliedmaßen schlenkern, locker springen Bild: Julieta Cervantes

Wenn sich die Statue aus ihrem Marmorbett erhebt, kennt der Jubel keine Grenzen mehr: Die Choreographin Trisha Brown verzaubert das Amsterdamer Publikum mit „Pygmalion“ von Jean-Philippe Rameau.

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          Eigentlich geht die Geschichte gut aus, mit einem Happy End, wie es nur die griechischen Götter hinkriegen. Hippolyte, von seiner Stiefmutter erst mit Liebeserklärungen verfolgt, dann mit Ärger, als er sie abweist, wird vom eigenen Vater Theseus - den die gekränkte Phädra glauben macht, sein Sohn Hippolyte habe sie, die Stiefmutter, verführen wollen - an die Seeungeheuer verfüttert. Genauer: Neptun, Theseus' Vater, zieht den eigenen Enkel ins kühle tödliche Nass hinab. Doch die voreiligen, auf weibliche Intrige hereingefallenen Rächer müssen nach Phädras Geständnis nicht mit dieser Schuld leben. Vielmehr rettet Diana, die Göttin der Jagd, Hippolyte vom Meeresgrund, macht ihn zum König der Waldbewohner und gibt ihm die geliebte Aricie zur Frau.

          So schrieb es der Abbé Simon-Joseph Pellegrin seinem Komponisten unter Berufung auf den „Hippolytos“ von Euripides und Racines „Phèdre“ ins Libretto, und so festlich endete die Premiere von Jean-Philippe Rameaus erster Oper am 1. Oktober 1733 in der Pariser Academie Royale de Musique. Dann schlugen die Lullyisten Krach gegen den Erneuerer.

          Sie glaubt nicht an die Tricks unverbürgter Göttlichkeit

          Im Amsterdamer Koninklijk Theater Carré war jetzt außer Jubel gar nichts zu hören, und das, obwohl Trisha Browns choreographierte Inszenierung von „Hippolyte et Aricie“ aufhört mit dem schmerzerfüllten Gesang „Hippolyte n'est plus!“ - „Hippolyte ist nicht mehr!“. Und die Stelle des Waldkönigs unbesetzt bleibt.

          Der englische Tenor Ed Lyon (links) in der Titelrolle des Pygmalion" und die französische Sopranistin Emmanuelle de Negri als Statue

          Brown glaubt allein an die Magie des Theaters, an die Macht der Musik und der Geste, den Bühnenzauber aus Klang, Licht und Bewegung, nicht aber an die Tricks letztlich unverbürgter Göttlichkeit. Und wie sie daran glaubt. Vielleicht ist darin eine Verbindung zur frühen Trisha Brown zu sehen, auch wenn die Vierundsiebzigjährige sich für diese Korrespondenzen trotz des anstehenden vierzigjährigen Jubiläums ihrer Company derzeit nicht interessiert.

          Bewegungssprache unter Einbeziehung des Publikums

          Denn waren etwa Götter im Spiel, als sie 1971 in „Walking on the Wall“ ihre Tänzer anseilte und sie auf den Häuserwänden tanzen ließ? Oder 1973, als sie diese im „Roof Piece“ auf die Dächer von Soho schickte, wo sie eine seltsame Handzeichen-Choreographie aufführten? Das Publikum wäre ihr schon da überallhin gefolgt. In „Foray Forêt“ ließen die Klänge einer „Marching Band“ das Theater glauben, die Vorstellung gehe draußen weiter, in „If You Couldn't See me“ tanzte sie ein Solo, das dem Parkett nur ihre Rückenansicht präsentierte.

          Legendär waren ihre Kollaborationen mit dem 2008 verstorbenen Robert Rauschenberg und ist ihr inniges Verständnis klassischer Musik - nachdem Lina Wertmüller sie Mitte der achtziger Jahre mit „Carmen“ dafür gewann, ihre erste Oper zu choreographieren. Seither hat sie mit Monteverdis „Orfeo“ und Schuberts „Winterreise“ ihre Suche fortgesetzt nach einer Bewegungssprache, in der Tänzer und Sänger so miteinander kommunizieren können, dass auch das Publikum einbezogen ist, fern von Stereotypen und selbstverständlich abseits bildmächtiger Skandalinterpretationen.

          Geheime, wundervolle Logik

          Dafür eignete sich Browns Idiom ja auch denkbar wenig. Gehen, laufen, drehen, mit den Gliedmaßen schlenkern, locker springen, einen Partner beiseiteheben oder über Kopf halten, damit dieser die Perspektive wechseln kann: all dies passiert in ihren Stücken in einem souveränen, entspannten Gestus. Browns Tanz entfaltet sich mit einer Selbstverständlichkeit, der eine geheime, wundervolle Logik zugrunde liegt. Und nicht nur eine musikalische, rhythmische Logik, sondern sicher auch ein Entwurf idealen Agierens, idealer Aufmerksamkeit des Subjekts für Innen- und Außenwelt.

          Der Körper folgt einem schwingenden Arm, geht zu Boden, streicht mit der Hand über ihn und wird so in eine Drehung geführt, erhebt sich wieder. Ein Pas de deux entsteht, wenn ein Körper tanzend dem anderen in den Weg gerät und so eine Art Hindernis darstellt, das zärtlich aus dem Weg geräumt gehört - mit großen, dann doch sehr artistischen Hebungen.

          Verliebt in eine Statue

          Denn kunst- oder spannungslos ist Browns Tanz nun wirklich nicht. Insofern war die Fallhöhe für die vier Sängersolisten des Abends sehr hoch. Doch angesichts der gelungenen Weise, in der Karolina Blixt, Sophie Karthäuser, Ed Lyon und Emmanuelle de Negri gelernt haben, mit zarten körperlichen Gesten zu kommunizieren, während sie mit Chor und Orchester von William Christie's Ensemble „Les Arts Florissants“ musizieren wie für griechische Götter, ist man wirklich verblüfft. Es war auch Christie, mit dem die Choreographin diesen Rameau-Abend zusammenstellte, bei dem auf Auszüge von „Hippolyte et Aricie“ die eigentliche Uraufführung folgte: Rameaus acte de ballet „Pygmalion“.

          „Fatale Liebe, grausame Eroberin“, singt der Bildhauer anklagend. Dann schickt er seine Geliebte Céphise fort, denn er hat sich in die weibliche Statue, die eben unter seinen Händen entstanden ist, verliebt. Doch die Götter, denen er seine Untreue anlastet, zeigen sich mitleidig. Ungläubig tastend und lauschend, erhebt sich die Statue von ihrem Marmorbett: Sie lebt! In das nun anhebende Fest mischen sich die Tänzer. Zwei von ihnen fliegen an beinahe unsichtbaren Seilen wie Elfen über die Bühne.

          Projektionen von abstrakten Zeichnungen der Choreographin

          Brown erreicht nichts Geringeres als eine zeitgenössische Version dessen, was Rameau als Symbiose von Musik und Tanz anstrebte. Um ihre Bühne zum Leuchten zu bringen, taucht die amerikanische Ikone des Lichtdesigns, Jennifer Tipton, Projektionen von abstrakten Zeichnungen der Choreographin in wechselnde Blautöne oder lässt sie vom Negativ ins Positiv umschlagen - ein magischer Effekt. Das berührt noch einmal die Grundfragen des Abends nach dem Verhältnis von Abstraktion und Gefühl, Leiden und Schönheit, purer Form und seelischer Verfassung. Denn in jenen Kreisen und Linien, die da von links und rechts in den Bühnenraum ragen, sehen wir doch - wie manchmal in den Wolken am Himmel - riesige Seemonster nach Hippolyte äugen. Ganz sicher.

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