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Ballett: Trisha Brown Company : Seht doch nur die riesigen Seemonster!

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Geheime, wundervolle Logik

Dafür eignete sich Browns Idiom ja auch denkbar wenig. Gehen, laufen, drehen, mit den Gliedmaßen schlenkern, locker springen, einen Partner beiseiteheben oder über Kopf halten, damit dieser die Perspektive wechseln kann: all dies passiert in ihren Stücken in einem souveränen, entspannten Gestus. Browns Tanz entfaltet sich mit einer Selbstverständlichkeit, der eine geheime, wundervolle Logik zugrunde liegt. Und nicht nur eine musikalische, rhythmische Logik, sondern sicher auch ein Entwurf idealen Agierens, idealer Aufmerksamkeit des Subjekts für Innen- und Außenwelt.

Der Körper folgt einem schwingenden Arm, geht zu Boden, streicht mit der Hand über ihn und wird so in eine Drehung geführt, erhebt sich wieder. Ein Pas de deux entsteht, wenn ein Körper tanzend dem anderen in den Weg gerät und so eine Art Hindernis darstellt, das zärtlich aus dem Weg geräumt gehört - mit großen, dann doch sehr artistischen Hebungen.

Verliebt in eine Statue

Denn kunst- oder spannungslos ist Browns Tanz nun wirklich nicht. Insofern war die Fallhöhe für die vier Sängersolisten des Abends sehr hoch. Doch angesichts der gelungenen Weise, in der Karolina Blixt, Sophie Karthäuser, Ed Lyon und Emmanuelle de Negri gelernt haben, mit zarten körperlichen Gesten zu kommunizieren, während sie mit Chor und Orchester von William Christie's Ensemble „Les Arts Florissants“ musizieren wie für griechische Götter, ist man wirklich verblüfft. Es war auch Christie, mit dem die Choreographin diesen Rameau-Abend zusammenstellte, bei dem auf Auszüge von „Hippolyte et Aricie“ die eigentliche Uraufführung folgte: Rameaus acte de ballet „Pygmalion“.

„Fatale Liebe, grausame Eroberin“, singt der Bildhauer anklagend. Dann schickt er seine Geliebte Céphise fort, denn er hat sich in die weibliche Statue, die eben unter seinen Händen entstanden ist, verliebt. Doch die Götter, denen er seine Untreue anlastet, zeigen sich mitleidig. Ungläubig tastend und lauschend, erhebt sich die Statue von ihrem Marmorbett: Sie lebt! In das nun anhebende Fest mischen sich die Tänzer. Zwei von ihnen fliegen an beinahe unsichtbaren Seilen wie Elfen über die Bühne.

Projektionen von abstrakten Zeichnungen der Choreographin

Brown erreicht nichts Geringeres als eine zeitgenössische Version dessen, was Rameau als Symbiose von Musik und Tanz anstrebte. Um ihre Bühne zum Leuchten zu bringen, taucht die amerikanische Ikone des Lichtdesigns, Jennifer Tipton, Projektionen von abstrakten Zeichnungen der Choreographin in wechselnde Blautöne oder lässt sie vom Negativ ins Positiv umschlagen - ein magischer Effekt. Das berührt noch einmal die Grundfragen des Abends nach dem Verhältnis von Abstraktion und Gefühl, Leiden und Schönheit, purer Form und seelischer Verfassung. Denn in jenen Kreisen und Linien, die da von links und rechts in den Bühnenraum ragen, sehen wir doch - wie manchmal in den Wolken am Himmel - riesige Seemonster nach Hippolyte äugen. Ganz sicher.

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