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Ballettgipfel in Paris : Tänze wie Spaziergänge

  • -Aktualisiert am

Gehen und stehen: Victoire Anquetil in „Walkaround Time“. Bild: Laurent Philippe / OnP

In Paris gibt es eine Hommage an den Superhelden der Moderne, Merce Cunningham. Das Londoner „Royal Ballet“, das Antwerpener „Opera Ballet Vlaanderen“ und das Ballett der Pariser Oper treten auf.

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          Einhundert Jahre wäre Merce Cunningham in diesem April geworden. An ihn erinnert das „Festival d’automne“ zurzeit auf vielfältige Weise. Der schönste Abend vereinte jetzt drei seiner Meisterwerke getanzt von drei phantastischen Ballettcompagnien. Über Alter und Schicksal nachzudenken, bot das Programm auch Anlass: Ein sehr junger Tänzer zeigt seine absoluten Starqualitäten und präsentiert sich als neuer Stern am Tanzhimmel. Eine sehr alt gewordene Frau, die Cunningham half, ein Star zu werden, wird nicht vergessen.

          Ein Essay in dem Heft zu den Pariser Veranstaltungen, mit denen in diesem Herbst Merce Cunningham (1919-2009) gefeiert wird, zeichnet das Porträt der für den Tanz in Frankreich und für Cunninghams transatlantische Karriere wichtigsten Person, der im vergangenen Jahr verstorbenen Bénédicte Pesle. Ungeheuer einflussreich wirkte die Agentin, Mäzenin und Beraterin daran, in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts die amerikanische Avantgarde in Frankreich berühmt zu machen – neben Cunningham und John Cage auch Robert Wilson, Philipp Glass, und Trisha Brown. Cunninghams Werk hätte Europa ohne sie nicht so früh, und dann nicht so regelmäßig und über Jahrzehnte verfolgen können; und ohne den europäischen Supererfolg der ersten Welttournee 1964, dessen Lärm der Company bei ihrer Rückkehr nach New York vorauseilte, wäre der Weg zum Ruhm in Amerika schwerer gewesen. Pesle eröffnete zunächst eine Galerie. Sie vertrat Künstler wie Max Ernst und René Magritte. Brauchte Pesle später Geld für ihre Bühnenkünstler, verkaufte sie manchmal, was sie „Kunst zum an die Wand hängen“ nannte.

          Bei allen europäischen Premieren Cunninghams sah man Pesle, die Graue Eminenz der Modernen Künste, die ihre Herkunft aus der Bourgeoisie nie verbarg. Bis zu seinem Tod 2009 betreute sie seine Erfolge. Ihr Geburtstag lag einen Tag vor seinem und als sie starb, hatte sie dasselbe hohe Alter erreicht wie er bei seinem Tod: neunzig. Kinder hatten ihre vor ihr verstorbene Lebensgefährtin und sie nicht. So wurde Pesle im Familiengrab in Montmartre beigesetzt und ihre Kunstsammlung bei Christie’s versteigert.

          Von welchem Stern auch sie die festlichen Anstrengungen von Paris betrachten mag, den hundertsten Geburtstag ihres Freundes in diesem Herbst zu begehen, es muss sie, die jeden Abend in die Pariser Oper oder andere Theater ging, mit tiefer Zufriedenheit erfüllen. Das Londoner „Royal Ballet“, das Antwerpener „Opera Ballet Vlaanderen“ und das Ballett der Pariser Oper, das an Trisha Brown gutmachte, was es Cunningham an Liebe versagt hatte, teilten sich einen Abend der Rekonstruktionen.

          Choreographie der Langsamkeit: Julien Cozette in „Walkaround Time“.

          Beim Wiedersehen mit dem phantastischen „Walkaround Time“ aus dem Jahr der Rebellion, 1968, kann man sich gut vorstellen, wie das Pariser Publikum einst mit Eiern und Tomaten nach den Tänzern warf. Die geradezu magische Ruhe, die das Stück verströmt, die majestätischen Balancen und tranquillen Promenaden der vier Männer und fünf Frauen werden durch die provokative Sound- und Textcollage von David Behrmann zu so etwas wie einem Akt der Subversion. Schritte auf Kies, fahrende Autos, Text von Marcel Duchamp, dann wieder Stille – für die Ohren damals ähnelte das dem, was unter Musik zu verstehen sei so sehr wie die durchsichtigen, kastenförmigen aufblasbaren bedruckten Objekte auf der Bühne jener nackten Braut, die der Titel des Werks doch in Aussicht zu stellen schien – „La Mariée mise à nu par ses célibataires, même (Le Grand Verre)“.

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