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Wichtiger Handschriftenfund : War die Matthäuspassion nie vergessen?

Das Denkmal für Johann Sebastian Bach vor der Thomaskirche Leipzig. Bild: ZB

Bis heute glaubt man, Johann Sebastian Bachs geistliche Vokalmusik sei zwischen 1750 und 1829 völlig vergessen worden. In Leipzig wurde nun eine wichtige Handschrift angekauft, die ein völlig neues Licht auf die Geschichte wirft.

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          Eine alte Geschichte, die jetzt vielleicht neu geschrieben werden muss, geht so: Unmittelbar nach dem Tod von Johann Sebastian Bach am 28. Juli 1750 geriet dessen Musik in Vergessenheit. Schon zu Lebzeiten hatte sie als altmodisch, als „schwülstig“ gar, gegolten. Die Musikwelt interessierte sich nicht mehr dafür. In Kennerkreisen wurde allenfalls sein Werk für Tasteninstrumente weitergepflegt, namentlich das „Wohltemperierte Clavier“, an dem sich noch der junge Beethoven schulte. Doch an die geistliche Vokalmusik des Thomaskantors dachte niemand mehr. Der 11. März 1829 markiert bislang den strahlenden Tag, an dem die Bach-Renaissance einsetzte: Der zwanzigjährige Felix Mendelssohn Bartholdy brachte mit der Sing-Akademie zu Berlin Johann Sebastian Bachs „Matthäuspassion“ zur Wiederaufführung, und eine breite Öffentlichkeit begriff plötzlich, welchen Rang dieser vergessene Komponist hatte.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Doch nun sind Dokumente aufgetaucht, die belegen könnten, dass es in Berlin schon lange vorher ein Interesse an der „Matthäuspassion“ und Bemühungen um ihre Wiederaufführung gegeben hat. Das Bach-Archiv Leipzig konnte im Oktober des vergangenen Jahres in London beim Auktionshaus Sotheby’s acht Stimmbücher zum doppelchörigen Schlusschor „Wir setzen uns mit Tränen nieder“ der „Matthäuspassion“ ersteigern, die musikgeschichtlich von einiger Brisanz sind.

          Peter Wollny, der Direktor des Bach-Archivs, hat ein geübtes Auge. Er muss, wie seine Mitarbeiter auch, Notenschreiber am Schriftduktus erkennen können, weil die Identifikation der Schreiber neben der Wasserzeichen- und Papiersortenanalyse das wichtigste methodische Hilfsmittel ist, um Bachs Werke und deren Aufführungen zu datieren. Im Katalog von Sotheby’s sah er nun ein Foto der zum Kauf angebotenen Stimmbücher und erkannte sofort den Schreiber. Diese acht Chorstimmen seien von einem Kopisten angefertigt worden, den man aus anderen Zusammenhängen schon kenne, sagt Wollny. „Ein Mensch namens Holstein, den Vornamen weiß man nicht. Er hatte um 1770 in Berliner Tageszeitungen inseriert und seine Dienste angeboten. Holstein ist der wichtigste Kopist für die ,Musikübende Gesellschaft‘, eine Vereinigung von Berliner Bürgern, die sich wahrscheinlich einmal in der Woche getroffen, miteinander musiziert und große Werke in Privathäusern aufgeführt haben“.

          Die Handschrift sei auf die Zeit um 1770 datierbar und lege die Vermutung nahe, dass zumindest der Schlusschor der „Matthäuspassion“ in einem Privathaus bei einem Konzert der „Musikübenden Gesellschaft“ – einer der wichtigsten bürgerlichen Musikgesellschaften im friderizianischen Berlin und zugleich Vorläuferorganisation der 1791 gegründeten Sing-Akademie – lange vor Mendelssohn zur Aufführung gelangt sei.

          „Wir setzen uns mit Thränen nieder“: Blatt aus den angekauften Stimmbüchern für den Schlusschor der „Matthäuspassion“: Anfang der Alt-Stimme für Chor 1, abgeschrieben um 1770.

          Mendelssohn selbst hatte die „Matthäuspassion“ kennengelernt, weil ihm seine Großmutter Bella Salomon, geborene Itzig, eine Abschrift der Partitur, die sich in der Bibliothek der preußischen Prinzessin und Bach-Liebhaberin Anna Amalia befand, zu Weihnachten geschenkt hatte. „Es ist durchaus denkbar, dass Bella aus diesem früheren Konzert von dem Stück wusste, also dass sie als Mädchen oder junge Frau eine Aufführung miterlebt hatte“, sagt Wollny, „die Familie Itzig, aus der sie stammte, gehörte zu den wichtigsten Unterstützern des Musiklebens in Berlin. Und ich nehme an, dass sie auch mit der ,Musikübenden Gesellschaft‘ zu tun hatte.“ Musiklehrer von Bella Itzig aber war Johann Philipp Kirnberger, ein Schüler Bachs. Schon der preußische Hofkapellmeister Johann Friedrich Reichardt schreibt in seinen Erinnerungen, man habe in den frühen siebziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts im Hause Itzig die Musik von Johann Sebastian Bach und dessen Sohn Carl Philipp Emanuel „mit einem Verständniß vorgetragen, wie sonst nirgends“. Es habe sogar einen „förmlichen Sebastian- und Philipp-Emanuel-Bach-Kultus“ gegeben.

          Bislang hatte man geglaubt, die Bach-Liebe im Hause Itzig habe sich auf die Instrumentalmusik, namentlich das Werk für Tasteninstrumente beschränkt, zumal man aus Inventarlisten weiß, dass Sara Itzig, spätere Levy, als Cembalistin und Pianistin einige Cembalokonzerte Johann Sebastian Bachs, ebenso dessen fünftes Brandenburgisches Konzert besessen und öffentlich zur Aufführung gebracht hatte.

          Möglicherweise gilt das Urteil einer bewussten Beschränkung der Bach-Pflege auf die Instrumentalmusik für Sara Levy auch weiterhin. Sie blieb bis zu ihrem Lebensende dem Judentum streng verbunden. Für ihre Schwester Bella, Mendelssohns Großmutter, vermutet Wollny, dass sie schon früh dem Christentum nahegestanden habe. Jedenfalls gehörte sie bereits 1774 zu den Subskribenten der Psalmen von Carl Philipp Emanuel Bach nach Texten von Johann Andreas Cramer.

          Sollten sich nach diesem Fund alle weiteren Überlegungen erhärten, hieße das nicht nur, dass Berlin als wichtigster Kristallisationspunkt der Bach-Pflege nach 1750 ernster zu nehmen wäre als bisher, sondern auch, dass Bachs geistliche Musik um 1770 bereits weniger als konfessionelle Kunst, sondern als säkulare Kulturleistung geschätzt wurde. Es sei, so Wollny, „ein ganz wichtiger Aspekt, dass die Stücke von der Kirche in den Konzertsaal wandern. Das sind die Anfänge dessen, was man später als ,Kunstreligion‘ bezeichnet. Man hört die Kunstwerke der Vergangenheit an und wird von einem heiligen Schauer überfahren.“ Die Größe von Mendelssohns Tat 1829, Bachs Werk eine neue Öffentlichkeit zu verschaffen, schmälert der Fund nicht, aber er stellt sie in den Zusammenhang einer staunenswerten Geschichte.

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