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Ritter-Oper „Orlando Paladino“ : Haydns Witz zersprengt die Etikette von heute

Ein Märchen im Film in der Oper: Axel Ranisch inszeniert „Orlando Paladino“ von Joseph Haydn. Foto: Wilfried Hösl Bild: Wilfried Hösl

Ein Glanzstück: Axel Ranisch inszeniert in München die heroikomische Ritter-Oper „Orlando Paladino“ von Joseph Haydn. Am Ende stehen ein doppeltes Comingout und großer Jubel.

          Ritter-Runkel-Kenner wissen: „Es ist des Ritters größtes Pech, tropft ihm das Pech ins Rüstungsblech“. Nun kann sich so ein Ritter nicht nur beim Pechnasenduell an der Festungsmauer zur Runkel oder gar zur Gurke machen, sondern auch beim Kniefall vor der Hohen Frau, dann nämlich, wenn der blecherne Knieschützer der Rüstung beim Heranrobben an das Objekt der Verehrung hörbar quietscht – auf dem Bühnenlinoleum.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Der ebenso liebenswürdige wie ausgebuffte Regisseur Axel Ranisch hat es im Münchner Prinzregententheater genau auf dieses Geräusch der Peinlichkeit abgesehen. Es ist der Knappe Pasquale (also ein Möchtegern-Ritter), der hier die Schäferin Eurilla bekniet, ihm den Weg vom Beistand zum Beischlaf zu verkürzen. Das Quietschen zündet, der Saal lacht. Ranisch trifft mit dieser Szene genau die Komik von Joseph Haydns Oper „Orlando Paladino“, die es in ihren Bühnenkonstellationen wie den musikalischen Formen konsequent darauf anlegt, das Erhabene auf die Banalität des Alltags prallen zu lassen. Sie ist Rittermärchen und Dienerposse in einem, Spiel mit Feenzauber und Totenreich in erlesenen Ariosi der Ritter Orlando und Rodomonte sowie der Zauberin Alcina und des Fährmanns Caronte, dann wieder temporeiche Plappersyllabik in kühnen, handlungstreibenden Ensembles, sobald sich das Bodenpersonal Pasquale und Eurilla ins Spiel bringt.

          Haydn schrieb hier 1782 für den Hof seines Fürsten Esterhazy ein Gelegenheitswerk von höchstem Ehrgeiz. Der Dirigent Nikolaus Harnoncourt hielt dieses Dramma eroicomico – schon das, „heroikomisch“, ist ein Hirnpurzelbaum von Gattungsbezeichnung – für eines der besten musikdramatischen Werke jener Zeit: „eine total durchgedrehte moderne Oper“. Harnoncourt hätte das Stück am liebsten in einer Irrenanstalt gesehen, mit Alcina als Chefpsychiaterin, die die zwei Ritter – Rüpel unter Prügelzwang, gleichsam mit einem grobmotorischen Tourette-Syndrom – therapiert, indem sie einen von ihnen durch Caronte „niederspritzen“ lässt.

          Stimmvoller Ritter Rodomonte

          Axel Ranisch, der mit Filmen wie „Dicke Mädchen“ und seinem graziös verschrobenen Tatort „Waldlust“ schon viel Sinn für das Anrührende im Lächerlichen, in mancher Operninszenierung aber seine Liebe zur Musik bewiesen hat, erzählt mit diesem „Orlando Paladino“ eine ganz andere Geschichte. Es ist das Melodram des Filmvorführers Heiko Herz und seiner Frau Gabi Herz (in stummen Rollen großartig gespielt von Gabi Herz und Heiko Pinkowski, den man aus vielen Ranisch-Filmen bereits kennt). Sie sind, wir erfahren es schon im Eingangsfilm zur Ouvertüre, ein glückliches Paar und sind es doch nicht. Denn so zärtlich sie auch miteinander umgehen: Heiko liebt eigentlich Männer, und Gabi den Hausmeister Licone (Guy de Mey).

          Die, nun ja, immersive Verstrickung in die Oper – als Schwarzweißfilm im Kino angekündigt: „Bayerische Staatsoper und Nikolaus Bachler (Intendant) präsentieren ‚Medoro und Angelica‘. Ein sehr guter Film“ – führt am Ende zu einem doppelten Comingout. Gabi hält Händchen mit Licone, und Heiko, in seinem Karnickelzüchterhemd und den Drechsler-Cordhosen, steht beim gut gebauten Edwin Crossler Mercer (er hat aber auch stimmlich allerhand an Kraft und Wärme zu bieten) als Ritter Rodomonte. Dass das alles funktioniert, hat mit der immensen Sensibilität der Regie zu tun, die weniger der Handlungslogik von Haydns Stück – gibt es die überhaupt? – als vielmehr der Gefühlslogik der Musik folgt.

          Ivor Bolton leitet das Münchner Kammerorchester und bleibt musikalisch der Szene dicht auf den Fersen, gestaltet die Tempi aber durchweg sängerfreundlich. Nur zweimal, in den Schlussbeschleunigungen größerer Ensembles (die ohnehin wahnsinnig turbulent sind), trägt es die Singenden fast aus der Kurve. Die Sackpfeifen-Imitation der Geigen beim ersten Auftritt von Pasquale gelingt temperamentvoll; die Pauken-und-Trompeten-Nummer zu Pasquales parodistischer Siegesarie (er steht auf einem toten Pferd, während der echte Ritter, auf der Filmleinwand hinter ihm, im Wald Stullen mampft) ist ein Glanzstück.

          Der Knappe wird am meisten gefeiert

          Sportliche, biegsam-junge Stimmen sind zu bewundern: die lyrische, fast übersüße Adela Zaharia als Angelica, der Tenor Dovelt Nurgeldiyev als Medoro mit Rosenöltimbre, vom Kostümbildner Falko Herold in eine golden-weiße Tamino-Tracht gesteckt, dann noch Tara Erraught als Zauberin Alcina mit glutheißem Mezzosopran und Elena Sancho Pereg als quicke, blitzblanke Soubrette Eurilla. Mathias Vidal als Orlando und François Lis als Caronte beweisen nicht nur markige Männlichkeit in ihren Stimmen, sondern auch Sinn für das Halbdunkel des Geheimnisses.

          Am meisten gefeiert wird der Tenor David Portillo als Knappe Pasquale. Er hat von Haydn eine Bravourarie bekommen, in denen er seiner Angebeteten – und dem Publikum – Musikunterricht erteilt, von Trillern, Passagen, Sprüngen, Synkopen singt und davon, dass er es besser kann als Oboen und Fagotte, auch höher als Kastraten. Das ist, im gut getimten Pingpong zwischen Orchester und Sänger, ein virtuoses Kabinettstück. In München platzt, spontan wie im achtzehnten Jahrhundert, mitten in der Arie nach einem besonders gewagten vokalen Stunt Lachen und Klatschen aus dem Publikum hervor. Haydns musikalischer Witz zersprengt die Etikette von heute. Beim Schlussapplaus haben die wenigen Buh-Muffel keine Chance gegen den Jubel für Axel Ranisch. Dieser schlagfertige Menschenfreund hat der Mehrheit im Saal an diesem Abend das Herz gestohlen.

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