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Autorentheatertage in Berlin : Welches Jahr haben wir gerade?

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Phantastisch, beengt, klug gemacht: „Welches Jahr haben wir gerade?“ von Afsane Ehsandar bei den Berliner Autorentheatertagen. Bild: Raphael Hadad

Eiche depressiv: Bei den Autorentheatertagen des Deutschen Theaters in Berlin erzählen neue Stücke von Fremdheit und Familienhöllen.

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          Der Grundsatz der Autorentheatertage, die Ulrich Khuon 1995 erfand, ist so einfach wie zwingend: „Der beste Weg, Autoren zu entdecken und zu fördern, ist sie aufzuführen!“ Am Deutschen Theater Berlin, wo Khuon seit 2009 Intendant ist und gerade bis 2022 verlängert wurde, verfolgt er dieses Modell, wie zuvor am Schauspiel Hannover und am Thalia Theater Hamburg, entschlossen weiter. Eingeladen waren in diesem Jahr zehn Gastspiele, dazu wurden in der „Langen Nacht der Autoren“ drei Stücke uraufgeführt, die am Deutschen Theater sowie an den koproduzierenden Bühnen in Wien und Zürich ins normale Programm wandern werden.

          Aus 125 Einsendungen wurden die Arbeiten von drei Dramatikerinnen ausgewählt, die alle einen Namen tragen, „den man auch im Jahr 2017 noch als nicht deutsch wahrnimmt“, erläuterte die Kulturjournalistin Anke Dürr als Sprecherin einer dreiköpfigen Jury, und legte Wert darauf, dass weder Geschlecht noch Herkunft bewertet wurden, nur die erzählten Geschichten und deren Machart. Das kann man glauben oder nicht, zumal es diesmal kaum erzählte Geschichten gibt, höchstens mehr oder minder lose Fragmente. Außerdem muss die Flüchtlingsthematik eine große Rolle gespielt haben, denn zwei der drei Stücke der „Langen Nacht“ kreisen darum.

          Mit viel Brimborium tut dies die 1978 in Tel Aviv geborene und seit 2012 in Berlin lebende Sivan Ben Yishai mit „Your very own double crisis club“. Ausgangspunkt ist die alttestamentarische Schilderung von Lot und seiner Frau, die sich trotz himmlischen Verbots umdrehte und den Untergang der Städte Sodom und Gomorra sehen wollte, worauf sie zur Salzsäule erstarrte. Die Personen im Stück, ein namenloses „Wir“, haben ähnliche traumatische Erfahrungen, sprechen lyrisch verklausuliert immer wieder von Krieg, Gewalt, Zerstörung oder der „Schönheit des Zerfalls“. Dazu werden zwischen gekünstelter Dankbarkeit und eruptiven Wutanfällen knappe Publikumsbeschimpfungen oder ein endloser Monolog über das Destruktionspotential phallisch orientierter Systeme eingestreut. Das ist frei flottierendes, redlich empfundenes Gesinnungstheater für „Körper“ und „Stimmen“ – aber nicht für Schauspieler. Deshalb bietet der Regisseur András Dömötör am Deutschen Theater einen Chor aus sechs Studenten der Berliner Universität der Künste auf, die sich mit vereinten Kräften und in schlecht sitzenden EU-Anzügen – blaue Hosen und Oberteile mit gelben Sternen – wacker durch diese Suada schnattern.

          Technisch aufwendig, inhaltlich überfrachtet

          Judith Hofmann und Felix Goeser geben das einheimische spießige Ehepaar, das von all dem Unheil draußen vor der Tür nichts mitkriegen will. Die Inszenierung ist technisch sehr aufwendig gestaltet, aber es hilft nichts, die Aufführung wirkt so überfrachtet wie das Stück und trotz aller Anspielungen („wohlsubventionierte Immigrantenpoesie“) ziemlich schwach auf den Empörungsbeinen.

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