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Aus dem Leben einer Clownin : Die kleinste Maske der Welt

  • -Aktualisiert am

Komisch, aber wahr: Die Clownin Tina Speidel stammt von Generalen ab Bild: Archiv

Tina Speidel ist Clownin - auf Ringelstrümpfe und Riesenschuhe verzichtet sie aber. Mit welcher Art Humor wird denn heute im Clowngewerbe gearbeitet? Und wie wird man überhaupt Clownin?

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          Manchmal wird sie gefragt, ob sie ein Mann oder eine Frau ist. „Sie können es sich aussuchen“, antwortet sie dann. Und auch Gemeinheiten wegen eines Kostüms hat sie schon einstecken müssen. Offenbar ist es schwerer, als Clown zu arbeiten, wenn man eine Frau ist. Will man eine Frau sehen als dummen August? Im Watschelgang? Auf einer Gießkanne musizierend? Ist der Mut zur Blamage weiblich?

          Große Clowns waren oft ehemalige Artisten, die ihrem Körper nicht mehr das nötige akrobatische Niveau abtrotzen konnten. Sie sind, wenn man so will, persönlich mit dem Abdanken vertraut. Wahrscheinlich ist es für sie ungewöhnlich, nicht auf einem Seil zu gehen, sondern zu ebener Erde. Und Stolpern ist hier menschlich, während es auf einem Seil nicht vorkommen darf. Der Clown versöhnt mit der Welt des Misslingens.

          Findet das heute noch jemand komisch oder nicht viel eher peinlich? Koffer, die im falschen Moment aufgehen, gibt es nun mal nicht mehr. Und auch kein erwachsenes Publikum, das sich vor Lachen auf die Schenkel haut, wenn auf der Bühne ein Stuhl zerbricht, auf dem ein Mann steht mit einer sehr kleinen Geige und einem zu weiten Jackett.

          Als ich Tina Speidel treffe, hat die erste Fernsehanstalt des Landes sich gerade zu einem Comedian bekannt, der unter Komik versteht, seinen Nightshow-Gast als Idioten und Puffgänger vorzustellen. Und ein Kunstfestival wartet mit einem Stück auf, in dem die Darsteller Wollperücken vom Umfang eines Gymnastikballs tragen, Farbe auf einen Menschen pinkeln, Scherben erbrechen, einen Hai ins Publikum fliegen lassen. Schöner könne man alberne Phantasien nicht ausleben, heißt das im Kulturteil der örtlichen Zeitung.

          Wieso wird man Clown in einer Zeit, in der die Freude am Klamauk so massiv ist und lieber hämisch als herzlich gelacht wird? Jetzt setzt Tina Speidel ihr Spielergesicht auf: Erstens sei sie ja keine Debütantin, sie ist seit zwanzig Jahren dabei. Und außerdem, sagt sie, könne man Clown nicht werden. Sie habe schon als Kind diesen Wunsch gehabt.

          Sie kommt aus einer Familie von Generalen. Ein Clown muss sehr diszipliniert sein, meint sie, und ein General ist bestimmt nicht komisch – aber vorkommen kann es.

          Ein Clown wird nicht gefeiert, bekommt kaum Geld für seinen Auftritt. Wer fürs Lachen bezahlen will, geht ins Kabarett oder ins Kino. Für Kindergeburtstage lässt sie sich nur selten buchen. Sie findet ein Fest, das von außen bespielt werden muss, nicht lustig. Sie will nicht das Event sein. Sie um einen Auftritt bitten wird also nur, wer ihre Arbeit kennt. So wie die Initiatoren einer Stiftung zur Erforschung der Epilepsie. Auf deren Tagung bin ich Tina Speidel begegnet.

          Was sie unternahm, war ungemein schwierig. Sie improvisierte und bezog sich dabei auf das eben Wahrgenommene. Zum Beispiel den hochseriösen Powerpoint-Vortrag eines Arztes: Wie selbstverständlich werden Patienten präsentiert, die im Schlaf ein Anfall ereilt.

          Clownerie ist vor allem ein Akt der Humanität

          Sie sind den Blicken des Publikums ausgeliefert. Alle schauen, wie die Geräte die Gehirnströme messen. Anschließend, in einer Tagungspause, wird der Vortragende selbst vermessen, mit dem einfachen Metermaß der Clownin. Plötzlich ist das Vorgeführtwerden geteiltes Schicksal. Man muss nichts zurücknehmen vom Powerpoint-Vortrag, verneigt sich aber vor dem Patienten. Auch ein Beitrag zur Vermessung der Welt. Oder zur Bewältigung der Gegenwart durch Improvisation, wie es in einem ihrer Programme heißt.

          Sie konterkariert Handlungen, indem sie ihnen einen anderen Kontext verleiht. Aber sie liefert niemanden aus. Wenn sie merkt, dass jemand sich bedrängt fühlt, zieht sie die Lacher auf sich. Wenn es entgleitet, sagt sie, springe ich als Opfer ein.

          Clownerie, wie sie’s gelernt hat, ist vor allem ein Akt der Humanität, des schlichten Respekts: Was längst verlorengegangen ist in einer Kultur des Bloßstellens und Verhöhnens. Früher war der Clown auch derb, grob aber war er nie. Obwohl das Leben grob war und bitter. Heute ist es komfortabler, doch der Humor wird aggressiver, infantiler, vulgärer. Alles Dinge, mit denen der Clown nichts tun hat.

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