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Aus dem Leben einer Clownin : Die kleinste Maske der Welt

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Bei ihrem Auftritt trägt sie die rote, von einem Gummiband gehaltene typische Nase. Die kleinste Maske der Welt, wie sie von Artisten genannt wird. Sie versucht, mit wenigen Requisiten auszukommen, vertraut auf ihre Wandlungsfähigkeit als Pantomime. Sie kennt keine Ringelstrümpfe und Riesenschuhe. Aber sie kann ein volles Saftglas auf der Stirn balancieren. Denn sie hat ihr Handwerk an der Scuola Teatro Dimitri gelernt, die mittlerweile durch ihren Gründer, den Schweizer Bühnenclown Dimitri, weltberühmt geworden ist.

1975 hat er sie mit seiner Frau Gunda und vier Kollegen in Verscio im Tessin gegründet. Später ging daraus erneut eine Gründung hervor, die Compagnia Teatro Dimitri. Mit Unterbrechungen war Tina Speidel nach ihrem Studium dort Ensemblemitglied, aber auch der capo comico, das, was an der Bühne der Inspizient ist und bei einer fahrenden Truppe das Mädchen für alles. Und herumgefahren ist die Truppe auch. Tourneen haben sie fast durch die ganze Welt geführt. Weil ihre Stücke keine gesprochene Sprache benötigen, gibt es auch keine Sprachhindernisse.

Ein Grundkurs in Bescheidenheit

In manchen ihrer Stücke verballhornt Tina Speidel die lautmalerischen Besonderheiten von Dialekten und Sprachen. Ich hielt das zuerst für eine Einarbeitung ihrer familiären Nomadenbiographie als Kind einer Nato-Generalsfamilie in das Programm, doch dann erfahre ich, dass diese Art Persiflage Grammelot heißt. Es ist ein altes Mittel des komischen Theaters, Sprache mit übertriebener Gestik und Mimik vorzutragen und damit den in Worten nicht auszudrückenden Charakter von Personen zu betonen, ohne ihn beleidigend zu verballhornen.

Das Angeberische nehmen Mimen, die die Ausbildung der Dimitri-Schule durchlaufen haben, besonders gern auf die Schippe. Weil sie selbst neben Fächern wie Improvisation, Tanz, Maskenbau, Stimmbildung, Musik, Jonglage, Pantomime einen ganz wesentlichen Grundkurs absolvierten: in Bescheidenheit. Bescheiden wird der Schüler durch das tägliche Training. Ohne demütiges, diszipliniertes Üben wird es nichts mit der Acrobazia.

Am erfolgreichsten hat der moderne Tanz die Akrobatik integriert. Aber auch für Clowns war Körperbeherrschung stets Voraussetzung für halsbrecherische Einlagen. Kaskade heißt die Kunst, spektakulär zu fallen. Hechtrolle und Hebeübungen brauchen Muskeln, die sich, wenn sie nicht täglich trainiert werden, zurückbilden.

Erst wer erfahren hat, wie schwer es ist, seinen Körper zu beherrschen, wird bescheiden. So lautet ein Hauptsatz Dimitris. Ein Credo, das Tina Speidel verinnerlicht hat. Wie die ganze Atmosphäre, die sie in Verscio aufnahm, das Familiäre, Poetische, die Naivität Bestärkende. Außerdem teilt sie die Auffassung von Dimitri, dass der traurige Clown ein Klischee ist. Sie denkt, dass man ohne eine angeborene Offenheit, Neugier und kindliche Einfalt nicht Clown sein kann.

Sofort wohl gefühlt hat sie sich in Russland. 1994 führt eine Studienreise sie nach Sankt Petersburg. Dort gründet sie eine Theatertruppe mit russischen Kollegen. In Petersburg findet sie zu ihrem Stil. 2001 kommt ihr erstes großes Soloprogramm heraus: „Hätte ich diesen Vertrag nicht unterschrieben“ lautet der Titel. Eine Schauspielerin verpflichtet sich, für eine Kollegin einzuspringen und einen Improvisationsabend zu bestreiten. Überfordert steht sie auf der Bühne und versucht, ihre Haut zu retten. Womit?

Durch auf die Spitze getriebene Improvisation. 2008 wird sie Assistentin bei Peter Brook und Miriam Goldschmidt, nach der Dimitri-Schule ihr zweites prägendes künstlerisches Erlebnis. So nähert sich die Clownin dem größeren Theater.

Marion Titze, Jahrgang 1953, ist Schriftstellerin („Schillers schönes Fieber und andere Diagnosen“). Zuletzt erschien von ihr „Niemandskind“.

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