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Bruckner-Symphonien auf DVD : Sensibler Querschädel

  • -Aktualisiert am

Unmittelbar vor Bruckners Grab: Valery Gergiev dirigiert die Münchner Philharmoniker in Sankt Florian. Bild: Reinhard Winkler

In Sankt Florian, wo Anton Bruckner begraben liegt, haben Valery Gergiev und die Münchner Philharmoniker alle Bruckner-Symphonien aufgenommen. Das Ergebnis kann sich hören und sehen lassen.

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          Seit fast tausend Jahren sitzen die Augustinerchorherren auf Sankt Florian, wo der Legende nach im Jahre 304 der namengebende Heilige, Österreichs erster christlicher Märtyrer, begraben wurde. Das Kloster, eine trotz monumentaler Ausmaße durch leichtfüßige Harmonie geprägte Barockanlage, beherrscht vom hohen Hügelzug das Land südlich Linz.

          Anton Bruckner, 1824 im nahen Ansfelden geboren, konnte es öfter vor Augen haben, und bald wurde es zum Lebensmittelpunkt seiner langen Lehrjahre. Hier erhielt er entscheidende musikalische Prägungen und begann sich an der großen Stiftsorgel zu einem der bedeutendsten Organisten seiner Zeit zu entwickeln; später kehrte er, nachdem er sich im Umland ausprobiert hatte, für zehn Jahre als Lehrer zurück; dann häufig als Urlaubsgast, der hier während seines mühsamen Wiener Künstlerlebens erholsame Tage fand und suchte; und schließlich endgültig, um in der Krypta unter jener gewaltigen spätbarocken Orgel, die seine Jugend geprägt hatte, letzte Ruhe zu finden.

          So ist die Abtei ein nicht nur erhaben-heiterer, sondern durch ihren Titularheiligen und ihren Haus-Musiker auch doppelt ehrwürdiger Ort geworden. Wer Bruckner schätzt, möchte irgendwann hier vorbeikommen. Als die Bamberger Symphoniker im Jahr 2017 eine Tournee so organisierten, dass ihr damals neunzigjähriger Ehrendirigent Herbert Blomstedt mit ihnen auch in Sankt Florian gastieren konnte, bezeichnete der Pult-Nestor das als sein schönstes Geburtstagsgeschenk überhaupt. Nur wenige Wochen später traten dann an gleicher Stelle die Münchner Philharmoniker unter ihrem Chef Valery Gergiev auf den Plan, und was dabei mit Bruckners erster, dritter und vierter Symphonie begann, wurde durch zwei weitere Live-Kompaktserien in den Folgejahren zu einem kompletten Zyklus ausgebaut: Grundlage für eine Edition, zu der sich das Orchester mit diversen Medienunternehmen – voran die französische Telmondis für die visuelle Aufbereitung – und der Arthaus Musik GmbH als Herausgeber zusammentat.

          Nun liegt in einem nobel-schwarzen Kartonziegel von beträchtlichem Ge­wicht auf leicht überstreckter A4-Grundfläche (für diese wohlgefällige Kubatur, eine Art Idealquader, braucht es innen freilich einige Auspolsterungen) eine ganze Schatzkammer verborgen: nicht nur die Aufzeichnung der neun Symphonien in doppelter Fassung (als DVD und Blu-Ray), sondern zusätzlich die einer Orgelimprovisation Martin Haselböcks an Bruckners Sankt Florianer Lieblingsinstrument sowie der etwas unausgegorene, aber dennoch sehenswerte und seinerseits mit Bildmaterial der Gergiev-Konzerte angereicherte Film von Reiner E. Moritz über „Das verkannte Genie“ (F.A.Z. vom 25. Juli 2020). Nicht genug damit: Man findet außerdem eine bündige, um schlaglichtartige Kurzbetrachtungen der aufgeführten Werke aufgestockte Biographie des Künstlers sowie die ebenso ausführliche wie interessante Analyse eines von ihm 1876 selbst verfassten Lebenslaufes, dessen sieben Seiten der Kassette überdies als Faksimile beiliegen.

          Die Autorin Elisabeth Maier entfaltet dabei, anders als noch in ihren relativ nüchternen Filmtexten, ein differenziertes Bild auch der skurrilen Eigenarten des neben allen vertrauten Normen stehenden und agierenden, überempfindsam-verklemmten Querschädels, der etwa im genannten Lebenslauf – gerichtet an den Berliner Musikkritiker Wilhelm Tappert in der Hoffnung auf dessen Protektion – kräftig mit allen Registern des nur in der Pariser und Londoner Fremde (als Organist) anerkannten, im heimischen Wien aber erniedrigten und zurückgesetzten „Armutschkerls“ balzt und barmt: künstlerisch, zumal aus heutiger Sicht, mit einigem Recht, materiell indes angesichts seiner damals bereits auskömmlichen Verhältnisse schwer übertrieben.

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