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Hindsgavl Festival : Hören, Sinnen, Grasbaden

  • -Aktualisiert am

Verklärte Nacht auf Fünen: Isabelle Faust in einem Moment höchster Intensität für sie und ihre Hörer. Bild: Julia Severinsen

Auf dem dänischen Schloss Hindsgavl wird in abgeschiedener Idylle Musik zur Lebensform. In diesem Jahr beeindruckten besonders der Pianist Gustav Piekut und der Bariton Christian Gerhaher.

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          Kornblumenblau und Backsteinrot, spätklassizistisches Gemäuer und geharkte Kieswege, das unaufgeregte Kleinleben der Parkteiche und die gleichmäßig sanfte Brandung, mit der unten der Kleine Belt gegen das Steilufer läuft: Das fünische Schlossgut Hindsgavl, gelegen inmitten eines weitläufigen Wildgeheges aus Langgraswiesen und Buchenwäldern, bietet gerade in Tagen, wo die Nachrichten konzentriert von der Verletzlichkeit der Welt und ihrer Bewohner sprechen, den fast unwirklich anmutenden Kontrapunkt eines in sich ruhenden, entspannten locus amoenus.

          Die nächste Durchgangsstraße liegt eine knappe halbe Gehstunde entfernt, öffentliche Verkehrsanschlüsse gibt es keine, niemand kommt zufällig her. Man kann hier in die Landschaft schweifen, gut essen (der Küchengarten liegt gleich nebenan), aktuell aber über acht Sommertage hin vor allem: Musik hören – in einer Vertrautheit zwischen Ort, Künstlern und Hörern, die vielleicht an Lockenhaus im österreichischen Burgenland erinnern könnte, sich dann aber doch deutlich anders darstellt. Zwar ist das dänische Festival, aktuell im 53. Jahrgang, ebenso der Kammermusik verschworen wie sein Pendant. Doch wo dort immer noch ein Stück jenes besessenen, sich mit gespannter Energie zueinander hinmusizierenden Geistes der frühen Gidon-Kremer-Jahre weiterlebt – innerkünstlerische Feuerwerke, welche die Hörerfamilie auch einmal aus unerwarteten Richtungen treffen können –, ist in Hindsgavl alles auf Entspannung und Entschleunigung, ein sich öffnendes Verschenken, eine ideelle Partnerschaft zwischen Interpreten und Publikum orientiert.

          Paradiesische Einheit von Klang und Umgebung

          Freilich: Es braucht nicht wenig Zeit und Geld, um sich dieser paradiesischen Einheit von Klang und Umgebung zu versichern, wenn man mehr als nur ein Streiflicht mitnehmen will. Aber dann, einmal aufgenommen, entsteht schon in der äußeren Optik der denkbar größte Gegensatz zum Geist urbaner Event-Überhitzungen: keine atemlos einhechelnden Last-Minute-Hektiker, sondern geruhsam freundliches Zusammenströmen einer erwartungsfroh gestimmten, kunst-neugierigen Versammlung, in der das barfüßige Grasbaden auf dem ausgedehnten Wiesenplan vor der Konzertscheune eine häufig beobachtbare Vorbereitung auf den Musikgenuss ist. Einige kleinräumige Spätkonzerte mussten zwar coronabedingt entfallen, doch im Saal schaut man sich entlang aufgelockerter Sitzreihen heiter und frei ins unmaskierte Angesicht. Nur am Eingang werden die Impfungs- oder sonstigen Testate abgerufen, und gut ist’s – wirklich gut. Wichtigtuerische Verkrampfungen überlässt man gern dem südlichen Nachbarn: Wer im Zug vor Flensburg die Grenze passiert, weiß sofort wieder, wo er ist.

          Schloss Hindsgavl, erbaut 1784
          Schloss Hindsgavl, erbaut 1784 : Bild: Jan Brachmann

          Der ganze Geist einhelliger Kunst- und Naturversenkung zwischen Darbietenden und Empfangenden – man übernachtet in den gleichen Schloss-Nebengebäuden, begegnet sich auf den Parkwegen, frühstückt gemeinsam unterm luftigen Festivalzelt – kennt eigentlich nur zwei Ausnahmen. Die eine betrifft das kleine Festivalteam um Bernard Villaume und Ulrik Damgaard Andersen: ein hoch ökonomischer, fein abgestimmter und durchgetakteter Mechanismus, dem in seiner unaufdringlichen Präsenz freilich kaum Zeit zum Meditieren bleibt und der seine Dauer-Hochspannung allenfalls praktisch-handfest ausleben kann, wenn etwa der Chef selbst die Noten auf den Pulten verteilt oder die Saalbeleuchtung einregelt. Selten sitzt man als Gast in solch heiterer Sicherheit wie hier, wo selbst jede Unvorhersehbarkeit schon antizipiert zu sein scheint.

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