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Hindsgavl Festival : Hören, Sinnen, Grasbaden

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Kontrapunkte zur Besinnlichkeit

Und natürlich ist es die Musik selbst, die immer wieder Kontrapunkte zur Besinnlichkeit und Entspannung setzt. Zwar gab es auch fluffige Desserts wie einen Nachmittag mit dem Originalklang-Ensemble Dialoghi, das einige frühe Stücke von Ludwig van Beethoven wie dessen „Gassenhauer-Trio“ B-Dur op. 11 ganz aus den kapriziösen, manchmal parodistisch überdrehten Szenerien der Opera buffa heraus entwickelt. Aber sonst ging es vorwiegend ums Große und Existenzielle, sei es auch nur in stiller Melancholie wie bei jener „Sonata reminiscenza“ op. 38, mit der Nikolaj Medtner nach der russischen Revolution Abschied von der guten alten Zeit und ihren Klängen nahm. Der junge dänische Pianist Gustav Piekut paarte sie mit der im Jahr 1913 entstandenen b-Moll-Sonate op. 36 des gleichgesinnten, mit Medtner befreundeten Sergej Rachmaninow und beeindruckte dazu mit dem nervös flackernden, an den Rand der Auflösung treibenden Pathos seiner Interpretationen einiger Stücke von Rachmaninows Mitschüler Alexander Skrjabin.

Ein kollektives Seitenstück dazu, vermittelt mit kühl-spröder Energie, konnte man im Auftritt des Pavel-Haas-Quartetts vor allem in den rhythmischen Entfesselungen von Béla Bartóks viertem Streichquartett erleben.

Vielleicht am aufregendsten war indessen das Zusammenwirken eines Septetts, aus dessen Kreis drei der Interpreten – die Geigerin Isabelle Faust, ihr Cellokollege Jean-Guihen Queyras und der Bariton Christian Gerhaher – schon länger ihre Liebe zu dem lieblich-verwunschenen Wunderort auf der Insel Fünen entdeckt haben. Wie sie sich nun mit ihren Kollegen in drei Nachtstücken – Arnold Schönbergs Sextett „Verklärte Nacht“, einer Kammer-Transkription von Hector Berlioz’ „Nuits d’été“, vor allem aber Othmar Schoecks sturmdunkel vergrübeltem und zerrissenem „Notturno“ von 1933 – zu einer innerlich durchglühten und Schönheitsschmerz-gesättigten Einheit fanden, wurde ein Erlebnis höchster Intensität.

Eine andere großartige Besetzung – Carolin Widmann und Marie-Elisabeth Hecker als Streicher-Außenstimmen, Martin Helmchen als dezent nachdrücklicher Pianist – hatte zwei Abende zuvor bei den Klavierquintetten von Robert Schumann und Edward Elgar eher den aufmerksam-wachen Dialog der einzelnen Individuen gesucht. Nun dagegen erlebte man einen nie versiegenden, sich in langen Bögen gemeinsam aussingenden Atem der Instrumentalisten, über dem Gerhaher Bilder schreckvoll niedergeschmetterter, seelisch zerstückter Verzweiflung vor Ohren stellte, über lange Strecken mit einer drastisch entfärbten, gleichsam tonlos tönenden Stimme, in Schoecks gespenstischem Scherzoteil („Der Traum war so wild“) grell herausfahrend und nur selten von fiebrig erhitzten Hoffnungsbildern überfangen. Der Preis aller erfüllten Sehnsüchte, der dunkle Grund noch der schönsten Idylle: die Texte von Lenau, Keller und Gautier passten, als schwarze Schattenrisse, seltsam gut an gerade diesen Ort. Umso wichtiger, sicher seiner erfüllten Momente zu versichern.

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