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Klaviermusik von Blumenfeld : Eine Lichtgestalt der russischen Belle Époque

Felix Blumenfeld in Odessa 1908. Bild: Archiv/F.A.Z.

Orthodoxe Kirchenchoräle und Wagner-Paraphrasen: Der Pianist Mark Viner spielt die bedeutungssatten, tollkühn-eleganten Préludes op. 17 von Felix Blumenfeld.

          3 Min.

          Unerklärlich und unbegründet sei das Fehlen von Felix Blumenfelds Étude de concert fis-Moll op. 24 im internationalen Repertoire heutiger Pianisten, schreibt Mark Viner völlig zu Recht im Beiheft seiner eigenen CD mit eben jener Etüde, dazu noch der Etüde op. 36 für die linke Hand und dem monumentalen Zyklus der 24 Préludes op. 17. Unerklärlich deshalb, weil es sich um ein mitreißendes, eingängiges, durchaus erschütterndes Stück aus dem Jahr 1897 handelt, unbegründet, weil es nicht nur eine handwerklich hohe Qualität, sondern trotz der erkennbaren Anlehnung an Frédéric Chopin einen eigenen, überaus kraftvollen Ton tollkühner Eleganz besitzt.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Vom Genre her scheint die Etüde ein elegischer Walzer zu sein, von der Satztechnik beinahe ein Bachscher Choral, da mit jedem Sechzehntel die Harmonie wechselt, mit zahlreichen Stimmkreuzungen, also einer versteckten Mehrstimmigkeit bei scheinbarer Unterordnung unter die Melodie. Die sich aufbäumende Coda – wörtlich „verzweifelt“ zu spielen – ist von tragischem Stolz. Viner hat sich in seiner Interpretation hörbar von Wladimir Below, Blumenfelds Schüler, inspirieren lassen, der die schmerzliche Chromatik der Mittelstimme voll Bitterkeit über den Diskant siegen ließ.

          Blumenfeld ist eine Lichtgestalt der russischen Belle Époque: Schüler von Nikolaj Rimski-Korsakow, Klavierpartner von Sergej Rachmaninow, Uraufführungsdirigent des „Poème de l’extase“ von Alexander Skrjabin und Leiter der russischen Erstaufführung von Richard Wagners „Tristan und Isolde“. Klaviergenies wie Wladimir Horowitz und Maria Grinberg, die Komponistin Zara Levina und der Jazz-Pionier Alexander Zfasman haben bei ihm studiert. Seine Familie war aus Österreich in die Ukraine eingewandert, wo Felix 1863 geboren wurde; seine Mutter aber war Maria Szymanowska, die Großtante des polnischen Komponisten Karol Szymanowski; sein Schwager wiederum Gustav Neuhaus, der Vater von Heinrich Neuhaus, der später als Lehrer der Pianisten Swjatoslaw Richter und Emil Gilels berühmt wurde. Blumenfeld selbst pflegte seine polnischen Verbindungen sehr. Jetzt wird er, aus verständlicher Sympathie für ein Volk im Überlebenskampf, zum Ukrainer erklärt, obwohl das alles so einfach eben nicht ist.

          Großartig bleibt seine Musik: eine dringend nötige Ergänzung des eingeengten Klavierrepertoires, das in unendlicher Wiederholung der gleichen Werke verödet. Die 24 Préludes op. 17 sind ein erstaunlicher Zyklus, durchdrungen von Lust, Licht und Trauer ebenso wie von geschichtlichen Bezügen. Die Stücke in allen Tonarten schließen an Johann Sebastian Bachs „Wohltemperiertes Klavier“ ebenso an, wie sie in der Anordnung Chopins Sammlung op. 28 folgen.

          Doch schon das erste Stück in C-Dur – Andante religioso – setzt eine östliche, slawophile Markierung: Es folgt den Mustern russisch-orthodoxen Kirchengesangs. Nur akzeptiert der slawophile Blumenfeld eben nicht die ideologische Abgrenzung vom Westler und Kosmopoliten: Schon das vierte Stück in e-Moll greift den Anfang von Robert Schumanns Klaviersonate fis-Moll op. 11 auf; die Nummer 19 in Es-Dur ist schließlich eine Paraphrase auf „Isoldes Liebestod“ von Wagner, die das tristaneske Todessehnen in eine Poesie träumender Lebensfreude verwandelt. Der Nummer 20 sind dann Verse aus den „Schilfliedern“ von Nikolaus Lenau vorangestellt – alles in allem ein glühendes Plädoyer für die Untrennbarkeit von Russland und Europa.

          Blumenfeld war der erste, der 1892 in Russland nach Chopins Tod solch einen Zyklus schrieb. Bald folgten Skrjabin, César Cui, Reinhold Glière und Sergej Rachmaninow. Auf die stählerne Melancholie Rachmaninows weist auch das schumanneske e-Moll-Prélude bereits voraus, wie die klangsatte Gesanglichkeit des B-Dur-Préludes mit der Melodie im Celloregister ebenfalls großen Eindruck auf Rachmaninow gemacht haben muss. Und das d-Moll-Prélude hat der „Patetico“ überschriebenen dis-Moll-Etüde op. 8 Nr. 12 von Skrjabin Pate gestanden.

          Der dreiunddreißigjährige Viner spielt das alles mit großer Wärme, ohne falsche Eile, satt und weich sogar im Fortissimo. Er vermeidet manche Härten der Erstaufnahme des Zyklus durch Philip Thomson im Jahr 2000 (Ivory Classics), opfert freilich auch manchen Moment des Schwungs. Die Größe, das Gewicht dieses Schlüsselwerks in Russland entstandener Klaviermusik haben in ihm aber einen wunderbaren Anwalt gefunden. Wenn Viner schreibt, zumindest das g-Moll-Prélude sollte Eingang in den Zugabenschatz aller Pianisten finden, dann hat er mit dem glück-traurigen Jauchzen dieses Walzers unter dem Apfelblütenschneefall der rechten Hand dazu die schönste Liebeserklärung abgegeben.

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