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Wozzeck an der Oper Frankfurt : Auch wenn er singt, ist er vor Kummer stumm

Wozzeck (Audun Iversen) stürzt mit Andres (Martin Mitterrutzner, unter ihm) zu Boden. Narr (rechts) und Tambourmajor (Mitte) sind Wozzecks Ahnungen. Bild: Monika Rittershaus

Wenn Worte meine Sprache wären: An der Oper Frankfurt legen Sebastian Weigle und Christof Loy die ganze Tragik in Alban Bergs „Wozzeck“ offen.

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          Arm ist, laut einem alten Sprichwort, nicht, wer wenig hat, sondern wer viel braucht. Insofern gibt es lauter arme Menschen in Georg Büchners Drama „Woyzeck“ und Alban Bergs Oper „Wozzeck“, die dem Drama folgt. Arm ist nicht nur Marie, Wozzecks Konkubine, weil sie Geld braucht für sich und ihr uneheliches Kind. Arm ist auch der Tambourmajor, der unter Zuchtnot leidet und mehr als einmal am Tag eine Frau braucht. Arm ist der Doktor, der an Menschen nicht genug haben kann, die ihm zum bloßen Material werden bei seinen Experimenten. Arm, dramatisch arm, ist vor allem der Hauptmann. Das zeigt der Regisseur Christof Loy in seiner Neuinszenierung des „Wozzeck“ an der Oper Frankfurt schon im ersten Bild. Peter Bronder singt diesen Hauptmann mit kläffendem Tenor, wild gestikulierend, infarktnah japsend: Da hat einer Lebensangst und will wahrgenommen werden, braucht Gesellschaft, ein Gegenüber, vielmehr ein Gefäß, um den Giftmüll seiner Seele loszuwerden. Wir werden Zeuge seiner Beschaffungshysterie. Wozzeck ist sein Opfer.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Er tut nichts, dieser Wozzeck. Er steht nur da. Doch seine Ruhe zeugt nicht von Genügsamkeit; sie ist die Folge einer grauenvollen Mittellosigkeit. Wozzeck ist wehrlos gegen die Zumutungen seiner Mitmenschen und wehrlos gegen die Wirrnis in seinem Kopf. Man hat ihn ausgesetzt in einer wilden Welt. Sie zu zähmen, fehlt ihm die Sprache, die geistige Kraft, die innere Ordnung. Der Bariton Audun Iversen, dessen Stimme rund und weich bleibt, sogar wenn es laut wird, leiht diesem Wozzeck seinen kräftigen Körper, an dem der Druck des Ausgeliefertseins gerade in der Regungslosigkeit beklemmend ablesbar wird.

          Die leidende Stummheit

          Loy hat hier mit der Physiognomie des Sängers exzellent gearbeitet, um das Tragische dieser Figur herauszumodellieren. Das Tragische ist nämlich nicht die materielle Armut, die Wozzeck zur Verzweiflung treibt und ihn zum Mörder an Marie werden lässt. Das Tragische ist die Nacht in seiner Seele, die durch kein Licht der Vernunft zu erhellen ist und die auch die Welt, die ihn umgibt, in gnadenlose Finsternis versinken lässt. George Steiner hat in seinem großen Essay „Der Tod der Tragödie“ dem „Woyzeck“ von Büchner viel Raum gewidmet und die Tragik dieses Dramas als den inneren Druck der Hauptfigur beschrieben, dem die Sprache nicht standhält. Bergs Oper aber, so Steiner, verzerre Büchners ursprüngliche Absicht: „Die Musik macht Woyzeck beredt; die kluge Instrumentierung verleiht seiner Seele Sprache. Im Stück dagegen ist diese Seele nahezu stumm, und gerade die Unvollkommenheit von Woyzecks Worten vermittelt sein Leiden.“ Diese leidende Stummheit aber holen Loy und sein Protagonist Iversen körperlich zurück in Bergs beredten Klang. Sie ist es, die hier interessiert, nicht dagegen die Elendspornographie der sogenannten armen Leute, also alles das, was sich durch Politik halbwegs in den Griff kriegen ließe.

          Die enge Verbindung von Szene und Musik

          Die Kostümbildnerin Judith Weihrauch hat alle Figuren gekleidet wie Menschen auf den Straßen von hier und heute. Die Bühne von Herbert Murauer beschreibt keine sozialen Orte. Weder das „Zimmer des Hauptmanns“ noch „Mariens Stube“ oder die „Gasse vor Mariens Wohnung“ sind zu sehen, nur Räume mit kahlen Wänden, an die sich Menschen gedrängt fühlen oder hinter denen sie andere belauschen. Es sind Druckkammern von Beziehungen, die von armutsbedingter Vorteilssuche beherrscht werden. Nur das Kind von Marie und Wozzeck, einprägsam gespielt von Edward Jumatate, hat weder Worte noch Strategien, um sich das, was es braucht, zu verschaffen. Es hat nur Angst vor seinen Eltern, die ihm die Welt nicht bauen, in der es sich zurechtfinden soll. Auch wenn Claudia Mahnke als Marie mit noch so großer Wärme auf das Kind einsingt: Es traut der Mutter nicht mehr.

          Doch zutraulich, oft zärtlich, schmiegt sich das Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter der Leitung von Sebastian Weigle an die Figuren. „Es muss was Schönes sein um die Tugend, Herr Hauptmann“, singt Wozzeck leise, und die solistischen Streicher geben, wie eine klingende Fata Morgana, den Ausblick auf Trost frei. Nur wenn der Tambourmajor auftritt, den Vincent Wolfsteiner mit bewusst roher Kreatürlichkeit singt, dürfen die Trompeten exhibitionistisch posieren. Auch das ist ein Zeichen der Nähe zwischen Szene und Musik, die in dieser Produktion besonders eng ist, weil so viele Bühnenvorgänge – etwa das Niederstürzen Wozzecks nach dem ersten Dialog mit Andres (Martin Mitterrutzner) – gestisch genau erfüllen, was klanglich aus dem Graben beschrieben wird.

          Der intime Ton, den Weigle mit dem Orchester herstellt, ließe oftmals ein Konversationsstück zu. Doch gerade die Passagen, in denen Alban Berg einen Sprechgesang mit nur ungefähr notierten Tonhöhen verlangt, geraten am gröbsten. Zwar braucht man natürlich Kraft, um stimmlich über den Militärmarsch im ersten Akt hinwegzudringen. Aber etwas weniger keifend ließe sich der Dialog zwischen Margret (Katharina Magiera hat ja durchaus eine leichte und tragfähige Stimme) und Marie anlegen. Auch Entsetzen wird nicht glaubhafter, wenn es – wie von Wozzeck, als er von seiner Lust, sich zu erhängen, spricht - herausgebrüllt wird. Doch bleibt der Gesang insgesamt fein an diesem Abend, von zynischer Eleganz gar bei Alfred Reiter als Doktor.

          Am Ende, nachdem ein weiterer Junge mit einer Grausamkeit, zu der nur Kinder fähig sind, dem Sohn Maries und Wozzecks zugerufen hat: „Deine Mutter ist tot“, bleibt das Kind spielend mit dem Narren des Hauptmanns (Martin Wölfel) allein. Der Narr, nicht das Kind, singt die letzten Worte und verdeckt dem Kind die Augen. Zum ersten Mal sehen wir im Hintergrund den Himmel. „Selig sind die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich“, heißt es im fünften Kapitel des Matthäusevangeliums. Mit diesem Mut zur Transzendenz schließt Loy seine Inszenierung. Wer es nicht ins Frankfurter Opernhaus schafft, kann sich das schöne Stück am 16. Juli auf 3sat im Fernsehen anschauen.

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