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Atonale Kampfmittel : Troubadix gegen Penner

Obdachlose in der Frankfurter Hauptwache: Im Winter wird den Menschen hier ein Platz zum Schlafen geboten. Bild: Maximilian von Lachner

In Neukölln sollen unliebsame Dauergäste nicht wie andernorts mit klassischen, sondern mit „atonalen“ Klängen vom Bahnhof ferngehalten werden. Die musikalische Praxis wirft viele Fragen auf. Eine Glosse.

          „Oh Musica, oh Musica, wer zu ihr findet, ist schon halb geborgen“, schrieb vor vielen Jahren Arnold Brecht, Jurist in der höheren Verwaltung der Weimarer Republik, den im Erleben schöner Künste häufig poetische Anwandlungen überfielen. Was den bürokratischen Ministerialbeamten zu solcher Sentimentalität verleitete, liegt auch dem menschlichen Geschlecht im Allgemeinen nicht fern, findet es in der Musik doch jene wohltuende Ablenkung und emotionale Bestätigung, die im Alltag oft zu kurz kommt. „Dienende Kunst“ nannte das Hegel und in seinem Sinne „affirmativ“ der kritische Soziologe Herbert Marcuse: Die Kulturindustrie wird bejaht und damit das System am Laufen gehalten.

          Dem Musikliebhaber allerdings kann es egal sein, ob er damit in die vermeintlichen Fänge kapitalistischer Repression gerät – am Ende zählt nur die Musik, ohne die das Leben schließlich ein Irrtum wäre, wie schon Nietzsche befand. Was aber ist davon zu halten, wenn Musik nicht zur Verlockung, sondern zur Vertreibung eingesetzt werden soll, und zwar ganz im Sinne des Staates?

          Am Anfang des Jahrtausends, wir erinnern uns dunkel und ungern, erließ der Hamburger Innensenator Ronald Schill, der später durch seinen Kokainkonsum bekannt wurde, eine denkwürdige Maßnahme: Klassische Musik in atemberaubend schlechter Tonqualität sollte von nun an den Eingangsbereich des Hamburger Hauptbahnhofs beschallen, weil sich dort zum allgemeinen Ärgernis Obdachlose und Junkies herumtrieben.

          Im Jahr 2017 sollte die „Oper für Obdach“ am Berliner Hauptbahnhof noch auf die dramatische Situation obdachloser Menschen aufmerksam machen. Ein Jahr später wird unter anderem an Berliner Bahnhöfen Musik für deren Vertreibung benutzt.

          Entscheidend an dieser perfiden Logik waren nicht etwa die miserablen Lautsprecher, sondern die Annahme, Drogenabhängige und andere randständige Gestalten könnten klassische Musik nicht ertragen und würden sich nach wenigen Stücken von Mozart, Bach und Beethoven in die Büsche schlagen. Die unterstellte Kausalität ist bemerkenswert: Was alle als „normal“ eingestuften Menschen lieben, gilt für Junkies und Obdachlose nicht, weil die schließlich von Natur aus kulturlose Rabauken sind?

          Dass die Säuberungsaktion in Hamburg gelang, dürfte weniger mit der Musik als mit der gleichzeitig verstärkten Polizeipräsenz zu tun haben. Dessen ungeachtet ließ sich unlängst auch Leipzig von dem tonalen Kampfmittel beeindrucken und suchte mit klassischer Musik lästige „Punks“ (gibt es überhaupt noch welche?) aus dem Hauptbahnhof zu vertreiben. Nun aber übertrifft unsere Hauptstadt alle kreativen Erwartungen: Am Neuköllner Bahnhof Hermannstraße, an dem sich, so sagt man, viele Trinker und Junkies aufhalten, soll nicht klassische, sondern „atonale Musik“ das unliebsame Gesindel vergraulen.

          Allein schon die musikalische Praxis wirft hier viele Fragen auf: Was wird gespielt? Arnold Schönberg? Industrie-Techno? Troubadix? Das noch größere Rätsel aber ist: Was verleitet die Berliner Bahn zu der irren Annahme, dass Junkies der Atonalität auf keinen Fall etwas abgewinnen könnten, alle anderen, die dort tagtäglich einsteigen, aussteigen, umsteigen müssen, aber schon? In dieser empiriefreien Zweiklassenlogik offenbart sich ungewollt ein Lehrstück für jedwedes Prohibitionsstreben: Am Ende sind alle nur noch genervt.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

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