https://www.faz.net/-gqz-9s0bh

Puccini-Oper in Frankfurt : Unerwärmter Laserstrahlsopran

  • -Aktualisiert am

Hin- und hergerissen zwischen der Ökonomie des Kapitals und der des Begehrens: Manon Lescaut muss sich entscheiden. Bild: Barbara Aumüller

Sie weiß, was sie alles will, aber nicht, wie sie alles kriegt: Asmik Grigorian als Giacomo Puccinis „Manon Lescaut“ an der Oper Frankfurt.

          4 Min.

          Wer ist Manon Lescaut, wenn nicht ihr Körper? Das, was man so landläufig Bewusstsein nennt oder alteuropäisch Seele, Herz, Gemüt, spielt für sie keine Rolle, allenfalls als Störfaktor. Der Regisseur Àlex Ollé, Mitglied der katalanischen Theatereingreiftruppe La fura dels baus, versteht an der Oper Frankfurt die Geschichte des jungen Mädchens, das an den Männern verbrennt wie die Motte am Licht, weder als Geschichte der verführerischen Femme fatale noch als Ballade von der sexuellen Hörigkeit. Ihn interessiert, wie Menschen auf ihre Körper reduziert werden. Das erinnert an derzeitige politische Diskurse, in denen es bei Flüchtlingen und Asylbewerbern um Stückzahlen geht wie in der Steckrübenproduktion. Ollé liest also Manon als Parabel auf die Situation von (Wirtschafts-)Flüchtlingen. Das hätte schrecklich schiefgehen können, mit moralisierenden Gruselbildern aus den Lagern. Doch geht es auch auf der musikalischen Schaubühne nicht um die Frage, ob, sondern wie sie als moralische Anstalt wirksam werden kann. Und Ollés Inszenierung von Puccinis „Manon Lescaut“ mag ihre Unstimmigkeiten haben, doch hinterlässt sie einen tiefen und nachwirkenden Eindruck.

          Kein Zufall ist es, dass diese Manon aus keinem Kriegsgebiet wie Syrien oder Afghanistan stammt, sondern aus Armenien. Sie landet in keinem Lager, sondern arbeitet, so unterrichtet uns ein kurzer Vorfilm mit etwas dämlich wummernder Musik, irgendwo als Billig-Näherin, nachdem sie und ihre Mitflüchtlinge dank einem Bolzenschneider durch den Drahtzaun ins gelobte Land gelangt sind. Das ist schon einmal ein Schicksal von entwaffnend-alltäglicher Banalität.

          Eine bauernschlaue Göre

          Hineingespielt hat hier sicherlich, dass der Vater der aus Litauen stammenden Darstellerin der Manon aus Armenien stammte. Asmik Grigorian, seit ihrem Debüt als Salome bei den letzten Salzburger Festspielen weltberühmt, absolviert ihren ersten Auftritt in irgendeinem heruntergekommenen Gasthof im Schatten einer klobigen Betonarchitektur (Autobahnbrücke?), und zwar im internationalen Stil der bauernschlauen Göre: stonewashed Jeans, Glitzerhandtasche, billig blondierte Mähne und breit grinsend traktierter Kaugummi (Kostüme von der Resterampe: Lluc Castells). Dass sie von Männern verfolgt wird, ist ihr nichts Neues, aber von der Leidenschaft des Chevaliers Renato des Grieux lässt sie sich dann doch beeindrucken. Und wie sollte sie nicht! Joshua Guerrero hat genau jenes schmelzende Tenortimbre, die leicht schluchzenden Töne, die Behutsamkeit der Phrasierung, um zu überzeugen. Grigorian dagegen hält sich stimmlich vom Klischee der Puccini-Heroine fern. Nicht um schöner leiden geht es hier, sondern um einen makellos fokussierten, präzisen, aber auch durch und durch kontrollierten Sopran. Diese Manon ist nicht empathisch. Sie weiß, was sie alles will, aber nicht, wie sie alles kriegt: die Leidenschaft liefert der gefühlvolle und natürlich bettelarme Des Grieux, den Luxus der daher natürlich hässliche, dicke und alte Geronte de Ravoir.

          Ihn singt der Buffobass Donato di Stefano mit besonderem Gusto, dies vor allem in der Szene des zweiten Akts, wo er das junge Paar in seinem eigenen Heim in flagranti erwischt und sich ironisch von ihnen verabschiedet. Natürlich ist Gerontes Apartment kein luxuriöses Boudoir, sondern ein Bordell, in dem zahlreiche junge Frauen in knapper Wäsche Streck- und Yogaübungen vollziehen (die kalte, blaue Beleuchtung – Licht: Joachim Klein – dämpft den voyeuristischen Effekt). Und die zarte Schäferballade von Tirsi und Fileno, für die Puccini das Agnus Dei seiner Jugendmesse entfremdet hatte, wird sehr hübsch von Bianca Andrew beim Pole Dance gesungen. Wer sich jetzt darüber ereifert, dass es in der Oper schon wieder um halbnackte Körper und Sex für Bezahlung geht, möge sich daran erinnern, dass es im Original des Abbé Prévost letztlich auch um nichts anderes ging, als dass eine junge Frau ihren Körper verkaufte. Dass Asmik Grigorian in diesem zweiten Akt sich über weite Strecken in roter Unterwäsche zeigen muss, folgt nur der Logik des Regieansatzes. Die von allen besungene Attraktivität Manons ist es, die sie über den Status überflüssigen Fleischs und politischer Verhandlungsmasse hinaushebt. Sie muss genutzt werden. Und dass Manon sich nicht zwischen der Ökonomie des Kapitals (Geronte) und der Ökonomie des Begehrens (Des Grieux) zu entscheiden vermag, zeigt eben Grigorian mit ihrem unerwärmten, bei aller laserstrahlpräzisen Genauigkeit nie auf einen anderen gerichteten Sopran. Der raumgreifende Schriftzug, der das Bühnenbild in jedem Akt beherrscht: LOVE, leuchtet im zweiten reklamehaft rot.

          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln und somit zur ganzen Vielfalt von FAZ.NET – für nur 2,95 Euro pro Woche

          Mehr erfahren

          Natürlich, dieser Manon geht in dieser Interpretation das verloren, was den Charme von Puccinis erstem musikdramatischen Meisterwerk auch ausmacht: Eben das Leichte, fast Operettenhafte des ersten Akts mit seinem kleinstädtischen Durcheinander, die graziöse und doppelbödige Rokoko-Hommage des zweiten; beides hinreißend, leuchtend, gelegentlich zu laut beschworen durch Lorenzo Viotti am Pult des farblich breitgefächerten Frankfurter Opern- und Museumsorchesters. Ollés Inszenierung findet ihren Fluchtpunkt dann eben in der Flucht, der gescheiterten des dritten und der in den Tod führenden des vierten Akts. Die Gitterkäfige, in der die in die Neue Welt zu verschiffenden „gefallenen Mädchen“ untergebracht sind, bieten ein beklemmendes Bühnenbild, aber die berühmte Appell-Szene verliert dadurch ihre beklemmende Wirkung, die Kommentare des gesunden Volksempfindens erklingen aus dem Off. Soll so angedeutet werden, dass die Entsorgung unerwünschter Personen jenseits der öffentlichen Wahrnehmung stattfindet?

          Im letzten Akt, der Wüste von Louisiana, ist der nun wieder steinern graue Schriftzug, der die Liebe unbeirrbar anpreist, das einzige Bühnenbild und Requisit zugleich. Alles, was du brauchst, ist LOVE. Hier geht Grigorian erstmals über ihre bis jetzt streng kontrollierten Stimm-Mittel hinaus; des veristischen Schluchzens und Stöhnens, das so gerne in Puccinis Schluss-Szenen zum Einsatz kommt, enthält sie sich dankenswerterweise ebenso wie Guerrero, zuletzt liegen ihre Körper einfach stumm übereinander wie ein Kleiderhaufen. Bloß eine Goodfeel-, das heißt Badfeel-Inszenierung für das liberale Bürgertum ist diese Produktion nicht: Wie jede kluge Lesart spiegelt sie aus der Gegenwart auch Erkenntnis in das Stück zurück.

          Weitere Themen

          Blut will fließen

          English Theatre : Blut will fließen

          Gründlich rasiert: Das English Theatre Frankfurt zeigt das Musical „Sweeney Todd: The Demon Barber of Fleet Street“ von Stephen Sondheim.

          Tortenkunst mal anders Video-Seite öffnen

          „The Bakeking“ : Tortenkunst mal anders

          Eine Schimpansentorte in Lebensgröße - das ist die neue Kreation von Ben Cullen, der als „The Bakeking“ mit seinen Backkreationen begeistert. Auf der „Cake International“ trifft er die besten Tortenkünstler der Welt.

          Topmeldungen

          Robert Habeck und Annalena Baerbock sprechen die Sprache der grünen Neumitglieder.

          Eintrittswelle : Die neuen Grünen

          Anderen Parteien laufen die Mitglieder weg. Aber die Grünen, die gerade in Bielefeld auf ihrem Bundesparteitag zusammenkommen, können sich vor Aufnahmeanträgen kaum retten. Das schafft Probleme.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.