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Puccini-Oper in Frankfurt : Unerwärmter Laserstrahlsopran

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Ihn singt der Buffobass Donato di Stefano mit besonderem Gusto, dies vor allem in der Szene des zweiten Akts, wo er das junge Paar in seinem eigenen Heim in flagranti erwischt und sich ironisch von ihnen verabschiedet. Natürlich ist Gerontes Apartment kein luxuriöses Boudoir, sondern ein Bordell, in dem zahlreiche junge Frauen in knapper Wäsche Streck- und Yogaübungen vollziehen (die kalte, blaue Beleuchtung – Licht: Joachim Klein – dämpft den voyeuristischen Effekt). Und die zarte Schäferballade von Tirsi und Fileno, für die Puccini das Agnus Dei seiner Jugendmesse entfremdet hatte, wird sehr hübsch von Bianca Andrew beim Pole Dance gesungen. Wer sich jetzt darüber ereifert, dass es in der Oper schon wieder um halbnackte Körper und Sex für Bezahlung geht, möge sich daran erinnern, dass es im Original des Abbé Prévost letztlich auch um nichts anderes ging, als dass eine junge Frau ihren Körper verkaufte. Dass Asmik Grigorian in diesem zweiten Akt sich über weite Strecken in roter Unterwäsche zeigen muss, folgt nur der Logik des Regieansatzes. Die von allen besungene Attraktivität Manons ist es, die sie über den Status überflüssigen Fleischs und politischer Verhandlungsmasse hinaushebt. Sie muss genutzt werden. Und dass Manon sich nicht zwischen der Ökonomie des Kapitals (Geronte) und der Ökonomie des Begehrens (Des Grieux) zu entscheiden vermag, zeigt eben Grigorian mit ihrem unerwärmten, bei aller laserstrahlpräzisen Genauigkeit nie auf einen anderen gerichteten Sopran. Der raumgreifende Schriftzug, der das Bühnenbild in jedem Akt beherrscht: LOVE, leuchtet im zweiten reklamehaft rot.

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Natürlich, dieser Manon geht in dieser Interpretation das verloren, was den Charme von Puccinis erstem musikdramatischen Meisterwerk auch ausmacht: Eben das Leichte, fast Operettenhafte des ersten Akts mit seinem kleinstädtischen Durcheinander, die graziöse und doppelbödige Rokoko-Hommage des zweiten; beides hinreißend, leuchtend, gelegentlich zu laut beschworen durch Lorenzo Viotti am Pult des farblich breitgefächerten Frankfurter Opern- und Museumsorchesters. Ollés Inszenierung findet ihren Fluchtpunkt dann eben in der Flucht, der gescheiterten des dritten und der in den Tod führenden des vierten Akts. Die Gitterkäfige, in der die in die Neue Welt zu verschiffenden „gefallenen Mädchen“ untergebracht sind, bieten ein beklemmendes Bühnenbild, aber die berühmte Appell-Szene verliert dadurch ihre beklemmende Wirkung, die Kommentare des gesunden Volksempfindens erklingen aus dem Off. Soll so angedeutet werden, dass die Entsorgung unerwünschter Personen jenseits der öffentlichen Wahrnehmung stattfindet?

Im letzten Akt, der Wüste von Louisiana, ist der nun wieder steinern graue Schriftzug, der die Liebe unbeirrbar anpreist, das einzige Bühnenbild und Requisit zugleich. Alles, was du brauchst, ist LOVE. Hier geht Grigorian erstmals über ihre bis jetzt streng kontrollierten Stimm-Mittel hinaus; des veristischen Schluchzens und Stöhnens, das so gerne in Puccinis Schluss-Szenen zum Einsatz kommt, enthält sie sich dankenswerterweise ebenso wie Guerrero, zuletzt liegen ihre Körper einfach stumm übereinander wie ein Kleiderhaufen. Bloß eine Goodfeel-, das heißt Badfeel-Inszenierung für das liberale Bürgertum ist diese Produktion nicht: Wie jede kluge Lesart spiegelt sie aus der Gegenwart auch Erkenntnis in das Stück zurück.

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