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Reimanns Oper „Medea“ in Essen : Der Traum ist aus, die Nacht noch nicht

Erpresstes Zutrauen: Medea (Claudia Barainsky, Mitte) mit ihren beiden Söhnen (Florian und Maximilian Reichwein). Bild: Karl Forster

Am Aalto-Theater in Essen wird in Aribert Reimanns Oper „Medea“ mustergültig gesungen. Man hört, was für ein großer Text hier gehoben wurde. Er stammt von Franz Grillparzer.

          Von Nacht zu Nacht spannt sich die Zeit des Handelns, die das Unheil dem Menschen als Aufschub gewährt. „Die Zeit der Nacht, der Zauber ist vorbei / und was geschieht, ob Schlimmes oder Gutes, / Es muss geschehn am offnen Strahl des Lichts“, singt Medea am Anfang der Oper von Aribert Reimann, die ihren Namen trägt. Das Wispern der Tamtams und das Fagott in hoher Lage hatten ihr Singen vorbereitet – mit ganz leiser Musik, die man hört, wie man einen Hauch auf der Haut spürt. „Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht“, wird Medea am Ende singen. Und wieder wird der Klang ganz mild sein, gewirkt aus Luft und Duft, als sei die Nacht nicht das Schlimmste, was dem Menschen widerfahren könnte, der keine Träume mehr hat.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Tag dazwischen kannte keine Milde. Zersprungen war das Orchester in Splittergruppen aus Holz und Blech mit Schlagzeug oder ohne, die Streicher verschüchtert. Metallische Härte lag unter den Stimmen, scharfkantig wie frisch geschnittenes Büchsenblech. Und als der Herold kam, ein Bote der Amphiktyonen, des Städtebunds im alten Griechenland, um Jason und Medea als Räuber und Mörder unter Acht und Bann zu stellen, da schmiedeten Gongs und Klangplatten zusammen mit gurgelnden und quiekenden Klarinetten den Gesang zu einer Skulptur aus Zink, Silber und Stacheldraht. Der Countertenor Hagen Matzeit ist in dieser Rolle unübertrefflich. Nur wenig Gutes hat der „offne Strahl des Lichts“ an diesem Tag gestreift. Das Zutrauen der Söhne Jasons zu ihrer Mutter Medea war mehr erpresst als geschenkt, und jedes Zeichen der Güte von Kreon, dem König von Korinth, und Kreusa, seiner Tochter, gegenüber Medea war von Angst und Ablehnung nicht frei.

          „Alle Figuren geraten in einen Vibrationszustand, sobald Medea sich ihnen nähert“, erzählt Reimann im Foyer des Aalto-Musiktheaters in Essen. Es gibt nicht genügend Plätze für all die Menschen, die dem Komponisten vor der Premiere zuhören wollen, während er so agil und zugewandt, ganz frei von Dünkel, aber souverän über „Medea“ redet. Reimann ist vor zwanzig Tagen 83 Jahre alt geworden, dabei rege wie eh und je. „Medea“ entstand zwischen 2007 und 2009 als Auftragswerk für die Wiener Staatsoper, kam dort 2010 zur Uraufführung, danach an die Oper Frankfurt, war schon in Tokio und Berlin und ist nun auch in Essen in einer Neuinszenierung von Kay Link zu sehen. Er habe, erzählt Reimann, lange nach einem weiblichen Gegenstück zum „Lear“gesucht, der Oper, die 1978 mit Dietrich Fischer-Dieskau in der Titelrolle Reimanns internationalen Durchbruch brachte. Doch gefunden habe er den Stoff erst spät, eher durch Zufall, weil ein Dramaturg ihn auf „Medea“ stieß, den letzten Teil der Trilogie „Das Goldene Vlies“ von Franz Grillparzer, uraufgeführt 1821.

          Der Zustand kultureller Demenz

          Grillparzers Sprache sei „komponierbar“, sagt Reimann. „Diese kurzen Sätze, die er schreibt, weisen weit in unsere Zeit hinein.“ Und tatsächlich staunt man beim Hören wie Reimann beim Lesen, wenn die ebenso kraftvolle wie leichtfüßige Altistin Marie-Helen Joël als Amme singt: „Weggehaucht die Vergangenheit, alles Gegenwart, ohne Zukunft.“ Könnte man den Zustand kultureller Demenz und Perspektivlosigkeit knapper und bedrückender fassen? Mit Grillparzers Drama hat Reimann wirklich einen Schatz gehoben. Es sind Pointen des Kummers, die der Dichter hier mit graziöser Unerbittlichkeit zu einem Text gewoben hat. Dicht ist die Sprache, aber leicht. Sie nimmt das geringe Wort und gibt ihm Gewicht. Ihr Pathos kommt aus dringlicher Schlichtheit.

          Reimann nutzt diese Schlichtheit als gewährten Freiraum für das gesungene Melisma, die Verteilung der Silben auf mehrere Töne. Die knappe Pointierung von Grillparzers Sprache, die auch der Metrik seiner Verse zu verdanken ist, geht dadurch verloren. Gewonnen wird damit aber eine musikalische Einheit des Stils, die zugleich – in Distanz zu allem vordergründigen Naturalismus – den Kunstcharakter des Singens betont.

          Es ist indes, und besonders im Fall der Medea, ein dramatisches Singen voller Koloraturen, wie es Richard Strauss – wiewohl noch tonal gebunden – entwickelt hat; ein Vokalstil, worin die Koloratur kein bloßes Dekor, sondern Symptom einer nervlichen Anspannung, einer kapriziösen oder pathologischen Überdrehtheit, einer fiebernden Entrückung wird. Mit Claudia Barainsky, die Reimanns Klasse für moderne Liedinterpretation an der Berliner Universität der Künste durchlief und die zugleich mit den Partien von Strauss bestens vertraut ist, hat die Medea einmal mehr eine mustergültige Interpretin gefunden. Schon in Frankfurt war sie in dieser Rolle zu erleben gewesen.

          Überhaupt ist die Besetzung in Essen auf sehr hohem Niveau. Sebastian Noack als Jason und Rainer Maria Röhr als Kreon singen beide mit erstaunlicher Eleganz, bei aller Brutalität ihrer Figuren völlig ohne stimmliche Grobheit. Liliana de Sousa als Kreusa erglänzt nicht erst, als sie das explosive Brautgeschenk Medeas öffnet. Ihr heller Mezzosopran kann an Brillanz und Beweglichkeit alles aufbieten, um Kreusa als jenes „Luxuspüppchen“ erscheinen zu lassen, als das Reimann – „im Orchester glitzert es sofort, wenn sie singt“ – diese Figur angelegt hat. Robert Jindra weiß am Pult der Essener Philharmoniker sehr genau zwischen Schärfe und Lautstärke zu unterscheiden. Das tut den Sängern gut, denn die Präzision der Zeichnung ist ihm wichtiger, als durch Krach Eindruck zu schinden.

          Zurückhaltend ist die Inszenierung von Kay Link, die von der Ausgrenzung des Fremden vor einer futuristischen Wohlstandsfestung (Bühne: Frank Albert) erzählt. Der finale Auftritt Medeas mit dem Goldenen Vlies, das sie nach Delphi, von wo es ursprünglich geraubt worden war, zurückbringen will, hat einen Zauber, als wäre nach allem Schrecken noch ein gutes Ende möglich.

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