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„Ariadne auf Naxos“ in Dresden : Ein Klangerlebnis wie eine Gruppentherapie

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Fragonard als Tableau vivant: Daniela Fally (Zerbinetta) lässt sich von Rafael Fingerlos (Harlekin) anschubsen. Bild: Ludwig Olah

Christian Thielemann dirigiert in Dresden die Premiere der Oper „Ariadne auf Naxos“ von Richard Strauss. Der orchestrale Zauber trägt über den Feinfrost der Szene hinweg.

          Leise sein, mit halber Stimme sprechen und doch unüberhörbar bleiben: Das muss man sich leisten können als Ensemble, das muss man riskieren als Dirigent. Viel ist im Text dieser Oper, den Hugo von Hofmannsthal für Richard Strauss schrieb, von Verzauberungen und Verwandlungen die Rede.

          Doch die größten Zauberwandlungen gehen im Publikum schon vor sich, ehe auch nur eine Silbe gesungen worden ist, am Beginn des Vorspiels und später mit dem Einsetzen der Haupthandlung, wenn die Dresdner Staatskapelle und Christian Thielemann zunächst allein das Wort haben.

          Da vollzieht sich eine Art Gruppentherapie: Der Atem wird tiefer, die Konzentration fokussiert sich ganz und gar aufs Hineinlassen der Klänge, alles Irritierende, Alltäglich-Schlackenhafte verschwindet.

          Ein unaufdringliches Wunder, gemacht zum großohrigen Staunen: Mit welcher still blühender Delikatesse, lächelnder Zärtlichkeit oder dunkel verströmender Traurigkeit alle Stimmen, wirklich jede einzelne dieser schlank gesetzten Partitur, sich hier ineinanderschlingen und dabei doch jede für sich sprechend bleiben, nie nur Funktionsträger im harmonischen Gefüge, sondern Individuen eigenen Rechts, die uns von Erfahrungen mit den Träumen, Abgründen und Grenzen des Menschlichen erzählen.

          Eine gradlinige Ariadne und ein gottferner Bacchus

          Und so bleibt es – als Klangerlebnis zum Anbeten, wortlos sprechendes, ergriffen ergreifendes Menschengefühl über zwei Stunden hin, selbst noch in seinen derberen Ausprägungen, bis hin zum sternenhaft aufleuchtenden und verglühenden Schluss.

          Was beiseite bleiben muss bei diesem Herangehen, ist der Blick in die untergründigen mürben Auflösungsprozesse, die Fin-de-Siècle-Komponenten dieser in Krisenzeiten begonnenen, im Weltkriegsjahr 1916 uraufgeführten Musik, wie sie Giuseppe Sinopoli in seiner letzten CD-Aufnahme, ebenfalls mit den Dresdnern, vor achtzehn Jahren ausleuchtete. Man kann vieles haben, und hier bekommt man vieles, aber nicht alles auf einmal.

          Was auch ein kleiner Trost sein mag mit Blick zum vokalen Angebot des Abends, das gut ist und trotzdem nie die Verzückungen des Instrumentalen erreicht. Krassimira Stoyanovas Ariadne kommt manchmal nahe heran. Sie strahlt jene Art unanrührbarer Ruhe aus, die Psychologen bei Suizid-Kandidaten konstatieren, wenn der endgültige Entschluss zur Tat gefallen ist; doch dahinter klingt eine anrührende, fast noch kindhafte Gefühls-Geradlinigkeit mit – weniger in den großen Monologen, denen es etwas an Schmerzenssüße fehlt, aber dann in ihrer sie so schwer verwirrenden finalen Begegnung mit Bacchus.

          Der freilich, von seinen Schöpfern eher jugendlich und unerfahren gedacht, kommt in Gestalt Stephen Goulds onkelhaft und so götterfern wie nur möglich daher, stimmlich viril machtvoll, aber ohne Geschmeidigkeit, mit einigen Verengungen in der Höhe.

          Eine Oper wie ein Gemälde

          So bleiben die nachhaltigen Leistungen in weiblicher Hand, vor allem dank Daniela Sindrams leidenschaftlich sensiblem, innerlich zerrissenem und dennoch zu immer neuem Staunen bereiten Komponisten, der nach seinem Platz in Kunst und Welt sucht.

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