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Salieris Oper „Tarare“ auf CD : Wetterleuchten der Revolution

  • -Aktualisiert am

Mit Verve setzen sich Christophe Rousset und Les Talens Lyriques für die Musik von Antonio Salieri ein. Bild: Keith Saunders

Christophe Rousset schließt seinen Zyklus aller drei Pariser Musikdramen von Antonio Salieri mit der Beaumarchais-Oper „Tarare“ ab. Man erlebt in dem Stück die Prophetie der Biotechnik schon im Rokoko.

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          Klingt es so, wenn eine Revolution am Horizont heraufzieht? Sind diese fremdartig-unheimlichen, gehetzt umherhuschenden Streicherpassagen vor beklemmend hohl tönenden Liegeakkorden der Bläser zu Beginn von Antonio Salieris Oper „Tarare“ das Wetterleuchten einer neuen Zeit? Ein nie gehörter, ganz spezifischer, fast magisch anmutender Sound verbreitet hier vorab eine unbestimmte Atmosphäre des Gärens, eine Unruhe, die ebenso verheißungsvoll wie unheilschwanger in der Luft liegt. Die französische Aufklärung bebt durch diese Musik. Aber programmatisch wüten die entfesselten Winde des Uranfangs darin. Wüst und leer ist das Universum, Finsternis bedeckt den Abgrund. Aus verstreuten Elementen braut sich die Welt erst zusammen. Zehn Jahre vor der Chaoseröffnung in Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ hat Salieri in der Ouvertüre zum Prolog seiner Oper „Tarare“ die Erschaffung von Himmel und Erde gewissermaßen auf profane, säkularisierte Weise mit Orchesterfarben, Choreinwürfen und Tanz in Szene gesetzt.

          Nicht minder bemerkenswert ist der Text des anschließenden Prologs, den Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais seinem einzigen selbstverfassten Opernlibretto vorangestellt hat. Opernfreunden ist der multitalentierte Literat eher bekannt als Sujet-Lieferant für buffoneske Stücke von Paisiello, Mozart und Rossini. Mit „Tarare“ wollte er nicht weniger als eine neue Art von Musiktheater kreieren. Als Komponisten hatte er für dieses ambitionierte Unterfangen zunächst Christoph Willibald Gluck im Blick. Nach dessen Rückzug von der Pariser Bühne und dem durchschlagenden Erfolg, den dort Glucks Protegé Salieri 1784 mit seinen „Danaiden“ errang, gewann Beaumarchais den aufstrebenden Wiener Komponisten für die „Tarare“-Vertonung. Salieri ließ sich sogar im Haus des Franzosen einquartieren, um mit ihm Worte und Töne in enger Zusammenarbeit aufeinander abzustimmen. Entstanden ist dabei ein Opus sui generis, das zunächst polarisierte, dann aber noch jahrzehntelang als epochales Schlüsselwerk rezipiert wurde.

          Antonio Salieri: „Tarare“. Les Talens Lyriques, Christophe Rousset. Aparté AP 208 (3 CDs, Harmonia Mundi/Pias)
          Antonio Salieri: „Tarare“. Les Talens Lyriques, Christophe Rousset. Aparté AP 208 (3 CDs, Harmonia Mundi/Pias) : Bild: Aparté

          Formal greift „Tarare“ die ehrwürdige Tradition der fünfaktigen Tragédie lyrique mit allegorischem Prolog und Ballett-Einlagen auf. Doch schon die umfangreiche Einleitung hat es in sich. Die Zeichen stehen auf Sturm. Wie der Gattung Oper blüht auch dem Geschlecht des Homo sapiens Wiedergeburt. Als Herrin über alle Reproduktion von Leben generiert die personifizierte Natur Prototypen eines „neuen Menschen“. Mit dem Genius des Feuers führt sie einen geradezu philosophischen Disput über das bevorstehende soziale und psychologische Experiment. Dann werden die Rollen für das folgende Drama zugeteilt und vierzig Jahre übersprungen, um zu sehen, wie sich die Probanden im realen, von Klassengegensätzen strukturierten Leben verhalten. Im Blick auf moderne Humangenom-Forschung und möglich gewordene Eingriffe in das Erbgut mutet dieser Menschenpark-Vorspann geradezu prophetisch an. Ohne Pause folgt auf ihn der erste Akt, in dem die Handlung ihren Gang nimmt.

          „Tarare“ bedeutet eigentlich „ohne Sinn“. Als Name des Titelhelden ist damit vielleicht „unbeschriebenes Blatt“ gemeint: ein Protagonist, der seinen Charakter erst bilden, seine gesellschaftliche Stellung noch finden muss. Sein Gegenspieler ist der grausame Despot Atar, König eines orientalisch verkleideten Ancien Régime. Tarare hat ihm das Leben gerettet, ist deshalb zum Heerführer aufgestiegen und lebt glücklich mit seiner Frau Astasie. Atar, den dies wurmt, lässt die Schöne für seinen Harem rauben. Voller Eifersucht will er den braven Untertan im Elend sehen.

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