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Dirigent Antonello Manacorda : Der Blockbuster des neunzehnten Jahrhunderts

  • -Aktualisiert am

Wer Grand Opéra dirigiert, muss zaubern können: Antonello Manacorda bei einem seiner besten Tricks. Bild: Nikolaj Lund

Wer im Berghain Drogen konsumiert, dem darf eine Grand Opéra von Giacomo Meyerbeer nicht zu komplex sein, findet Antonello Manacorda. Ein Gespräch mit dem Dirigenten vor der Premiere von „L’Africaine“ an der Oper Frankfurt.

          Der Dirigent Antonello Manacorda hat auf dem CD-Markt gerade großen Erfolg mit der Kammerakademie Potsdam und den Symphonien von Felix Meneldssohn Bartholdy. Jetzt wird er an der Oper Frankfurt Giacomo Meyerbeers Oper „L’Africaine“ dirigieren.

          Sie beschließen momentan Ihre Arbeit an Felix Mendelssohn Bartholdys Symphonien. Wie passt jetzt die Oper „L’Africaine – Vasco da Gama“ von Giacomo Meyerbeer dazu? Sind Sie der Symphonien überdrüssig geworden?

          Der Symphonien kann keiner überdrüssig werden. Aber ich war auf der Suche nach etwas Neuem. Und Giacomo Meyerbeer ist für mich neu.

          Sie wechseln also zur „Grand Opéra“?

          Nein. Das wird nicht mein dauerhaftes Metier. Und ich werde auch kein Meyerbeerianer. Aber seine Musik ist wie eine Synthese der damaligen Epoche. Er war ein guter Dieb. Die Proben mit dem Frankfurter Opernorchester funktionieren beinahe wie Musikgeschichts-Bingo – jetzt Donizetti, Rossini, Verdi und sogar Wagner –, und dann lachen alle, wenn man den richtigen Stil erkennt. Somit: Alles Bisherige hat mich zu Meyerbeer gebracht. In „L’Africaine – Vasco da Gama“ reicht die Spanne vom Klassizismus über Belcanto bis zur recht avancierten Behandlung von Dissonanzakkorden.

          Wie stehen Mendelssohn und Meyerbeer zueinander?

          Mendelssohn ist ein sehr spezieller Komponist. Er wird immer als großer Romantiker gesehen, was sich allerdings nur auf wenige Stücke reduziert. Am „Lobgesang“, der zweiten Symphonie, hat mich das Menschliche interessiert. Diese Symphonie habe ich bisher nur im Stil von Bach gehört, wozu die Musikgeschichte ja verlockt, weil Mendelssohn Bach erst wiederentdeckt hat. Aber ich wollte damit aufräumen, dass romantisch „ wuchtig“ heißt. Wir haben sehr reduziert und durchsichtig gearbeitet.

          Und jetzt aus der entschlackten Variante ins überladene Genre der „Grand Opéra“? Das muss ein Schock sein...

          Das ist es. Die „Grand Opéra“ war damals das, was für uns heute der Blockbuster ist. Und die radikalen Meyerbeerianer werden auch nicht Schlange stehen bei unserer Version in Frankfurt.

          Kein Riesenspektakel auf der Bühne?

          Ich will szenisch nichts vorwegnehmen. Aber: Wir haben uns auch entschieden, zu kürzen. Und ich habe gelernt, laut zu spielen, ohne zu kreischen. Es gibt ja auch das moderne Actionkino, was nicht nur effekthascherisch brüllt, sondern subtil und eindrucksvoll arbeitet.

          Historisch informiertes Spiel also, das trotzdem zeitgemäß sein will?

          Da hat mir Mendelssohns Musik viel erschlossen, weil in genau dieser Zeit ein Umbruch stattfand und die historische Aufführungspraxis von heute an ihre Grenzen kommt. Jedenfalls, wenn man sie dogmatisch denkt. Während im Hochbarock klare Regeln etabliert waren, wie etwas zu spielen ist, auf welchen historischen Instrumenten, dann scheitert man mit dieser Herangehensweise sowohl bei Mendelssohn als auch bei Meyerbeer.

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          Inwiefern?

          Historische Aufführungspraxis sollte Recherche nur als ein Mittel zum Zweck sehen. Wir sind keine Archivare. Wir sind Musiker. Die Instrumente entwickelten sich in der Romantik rasant weiter. Die Räumlichkeiten wurden größer, und damit wuchsen die Anforderungen an die Instrumentenbauer. Bei Meyerbeer sind beispielsweise zwei Arten von Hörnern besetzt: Hörner ohne Ventil und Hörner mit Ventilen. Das ist unfassbar spannend, in diesen transitorischen Bereich zu stoßen.

          Wieso hatte sich Meyerbeer nicht für ein Instrument entschieden?

          Weil er den Klang mischen wollte. Es ging ihm um den Effekt. So entsteht eine Mixtur aus Nasalem und Kräftigem. Wir, in der Tradition von Herbert von Karajan aufgewachsen, lassen uns gern dazu verleiten, groß und dramatisch zu besetzen. Aber Meyerbeer wäre eine Zwischenstufe zwischen dem, was wir unter historischer Aufführungspraxis und Bombastklang verstehen.

          Mendelssohn und auch Meyerbeer sind immer noch nicht so häufig gespielte Komponisten. Wird sich das ändern?

          Mendelssohn und Meyerbeer kommen leider nicht gegen Wagner an. Mendelssohn ist aber zu Unrecht so unterschätzt, denn er ist ein genialer Komponist. Die Kompositionen, die ich von Meyerbeer kenne, halten langfristig nicht immer den Wert des Genialen ein, dafür improvisiert er mit einem Genre. Wir können sehr viel von ihm lernen. Wenn ich korrigierend eingreifen will, dann für Mendelssohn.

          Aber wäre nicht Meyerbeer für unsere heutige Zeit besser geeignet: laut, unterhaltend, überladen?

          Vielleicht ist das so. Aber vielleicht brauchen wir deshalb das Gegenteil. Ich bin es langsam leid, mich von irgendwem darauf hinweisen zu lassen, dass komplexe Musik heutzutage nicht mehr möglich ist. Angeblich ist das den jungen Leuten nicht mehr zuzutrauen.

          Sie überfordern also gezielt?

          Nein, ich glaube, wir unterfordern uns und unsere Ohren. Ich meine, mir kann doch niemand ernsthaft erklären, wenn er sämtliche Drogen konsumiert und ins Berliner Berghain zieht, sich zwei Tage mit Musik an den Rand des Menschenmöglichen bringt, dass für solche Leute dann Musik in einer Philharmonie zu komplex oder gar überfordernd sei. Das ist eine Lüge. Und absurd.

          Vielleicht verschiebt sich das Interesse?

          Das glaube ich nicht. Wir leben im kulturreichsten Ballungsgebiet der Erde und zu einer Zeit, in der noch nie so viel Musik gehört wurde und es noch nie so viele verschiedene Musikstile gab. Das ist etwas, was ich von Meyerbeer lerne. Dass wir das Grundmaterial nebeneinander verwenden sollten. Er war ein geschickter Dieb, wenn es um musikalische Stile ging.

          Also hätten Sie nicht lieber zur Zeit Mendelssohns oder Meyerbeers gelebt?

          Auf keinen Fall! Wie schrecklich wäre es, wenn ich zu Mendelssohns Zeiten gelebt hätte. Davor kannte man Bach nicht mehr. All diese Musik kennen wir heute. Das ist ein Privileg. Und daraus erwachsen Aufgaben.

          Was ist die Aufgabe von Antonello Manacorda?

          Musik ermöglichen. In der Hoffnung, dass sie etwas verändert. Egal ob Meyerbeer, Mozart oder Mendelssohn.

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