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Muslimisch-jüdische Kolumne : Romeo und Julia aus dem Nahen Osten

  • -Aktualisiert am

Abgesetzt: Szene aus Wajdi Mouawads Stück „Die Vögel“ am Münchner Metropoltheater Bild: Jean-Marc Turmes

Nach Antisemitismusvorwürfen wurde in München Wajdi Mouawads Stück „Vögel“ abgesetzt. Das ist ein Irrtum. Denn es zeichnet realistisch Konflikte in interreligiösen Beziehungen.

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          Vor 37 Jahren, im Oktober 1985, schrieben Juden in Frankfurt Geschichte in der Bundesrepublik. Es war das erste Mal, dass sie öffentlich gegen „subventionierten Antisemitismus“ protestierten. Sie besetzten die Bühne des Frankfurter Kammerspiels, als das Stück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ von Rainer Werner Fassbinder uraufgeführt werden sollte. Die Kritik richtete sich gegen die Hauptfigur des Stücks, die Fassbinder unverblümt als „der reiche Jude“ mit plakativen antisemitischen Klischees ausgestattet hatte: ein jüdischer Immobilienspekulant, skrupellos, hinterlistig, sexbesessen, machtgierig. Fassbinder reproduzierte eins der wirkungsmächtigsten und langlebigen Vorurteile gegen Juden. Der Theaterregisseur habe Ignatz Bubis, später Präsident des Zentralrats der Juden, gemeint, sagten damals viele.

          Wir erinnerten uns an die Debatte, die wir beide nicht persönlich erlebt haben, als aktuell wieder der Antisemitismusvorwurf gegen ein Theaterstück erhoben wurde, „Vögel“ des libanesisch-kanadischen Regisseurs Wajdi Mouawad. Darin geht es um mehrere Generationen einer jüdischen Familie, die sich in Israel treffen, und um die Beziehung zwischen einem Juden und einer Muslima, die um ihre Liebe kämpfen müssen. Auslöser der aktuellen Debatte war ein öffentlicher Brief der Jüdischen Studierendenunion Deutschland und des Verbands jüdischer Studenten in Bayern, in dem die Studenten Antisemitismusvorwürfe gegen das Stück erheben.

          In Israel wurde die Aufführung gelobt

          Nach letztlich gescheiterten Vermittlungsbemühungen gab das betroffene Metropoltheater kürzlich bekannt, das Stück vom Spielplan zu nehmen. Die Ähnlichkeit zwischen den beiden Theaterskandalen trügt allerdings. Während Fassbinder bewusst auf antisemitische Stereotype setzte, stehen die aktuellen Vorwürfe gegen „Vögel“ auf wackeligen Beinen.

          „Vögel“ war seit der Pariser Uraufführung 2017 Hunderte Male auf Bühnen zu sehen, auch im deutschsprachigen Raum wurde das Stück bislang auf mehr als zwanzig Bühnen gezeigt. Selbst in Israel wurde „Vögel“ von Kritikern und Publikum vielfach gelobt, als es 2018 am renommierten Cameri-Theater in Tel Aviv aufgeführt wurde. Die israelische Presse hob besonders die Zusammenarbeit von arabischen und jüdisch-israelischen Schauspielern, die Mehrsprachigkeit – Arabisch, Hebräisch, Deutsch und Englisch – sowie die Empathie des Autors für die jüdische Perspektive hervor. Das international besetzte Ensemble hat am Schreibprozess des Stücks mitgewirkt, berichtet die israelische Schauspielerin Liora Rivlin. „Was mich zutiefst beeindruckt hat, war der Versuch von Wajdi Mouawad, den Schmerz und das Leiden des Feindes zu verstehen“, sagte damals Eli Bijaoui, der das Stück ins Hebräische übersetzte, der Zeitung „Haaretz“.

          Im gleichen Bericht sagte Wajdi Mouawad: „Ich liebe alle Figuren in meinem Stück. Auch die Juden, die ich in meiner Kindheit zu hassen gelernt habe.“ Ließen sich alle von Mouawad blenden und merkten nicht, wie hier Antisemitismus am Werk ist – bis hin zum israelischen Außenministerium, welches die Produktion in Paris und Genf mitfinanzierte? Gegenüber „Haaretz“ berichtete Wajdi Mouawad, dass aufgrund dieser Zusammenarbeit seine Familie im Libanon bedroht wurde. Auch die antiisraelische Boykottkampagne BDS setzte sich gegen die Produktion und Aufführung ein. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass nun ausgerechnet jüdische Studierende in unfreiwilliger Allianz mit BDS-Aktivisten das Stück verhindern wollen.

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