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„Antigone“ in Hamburg und Berlin : Blut ist dicker als Rock'n'Roll

  • -Aktualisiert am

Lieber in Bodennähe als auf Augenhöhe: Patrycia Ziolkowska gibt eine unverschämt selbstbewusste Antigone Bild: Heji Shin

Wer will schon unplugged sterben? Dimiter Gotscheff heftet sich am Hamburger Thalia Theater „Antigone“ beharrlich auf die Fersen. Friederike Heller ertränkt sie an der Berliner Schaubühne in krawalliger Rockpoesie.

          Unter all den antiken Mythengestalten mit ihrem - je nach Autor - mehr oder weniger guten Ruf war sie immer diejenige mit geradezu unverletzlichem Prestige: Antigone, eine der Töchter des Ödipus und ihm in seiner Unaufhaltsamkeit und Halsstarrigkeit sehr nahe, ist jung geblieben. Nicht bloß, weil sie so früh sterben musste, sondern weil sie den ewigen Widerspruch der Kinder gegen ihre Eltern, der Leidenschaft gegen die Vernunft, des Individuums gegen den Staat verkörpert - direkt, emotional, unbeugsam.

          Ihre zwei Brüder sind im Krieg gefallen? Folglich müssen sie beerdigt werden, wie es sich nach altem Brauch geziemt. Der eine griff jedoch die Heimatstadt Theben an, während der andere sie verteidigte? Angesichts des Todes sei das völlig egal, erklärt Antigone und beruft sich auf die Pflichten gegenüber den Göttern, die ihr wichtiger sind als die wechselnden Vorschriften der Menschen respektive des Königs, ihres Onkels Kreon. Der Konflikt ist ganz einfach: Blut ist dicker als Tinte und Polyneikes ist ihr Bruder, auch wenn der Onkel ihn als Vaterlandsverräter verdammt. Ihre Konsequenz kostet sie das Leben - und den Onkel in seiner Hybris die Zukunft.

          Die verpasste Tragödie

          Friederike Heller hat nun „Antigone“ von Sophokles an der Berliner Schaubühne inszeniert, Dimiter Gotscheff „Die Antigone des Sophokles“ von Bertolt Brecht am Thalia Theater Hamburg. Jenseits aller gravierenden inhaltlichen und szenischen Unterschiede lassen beide Regisseure die Stücke dennoch wie um eine dramatische Leerstelle herum ablaufen: Antigones Tragödie findet nicht mehr statt, und was sie bewegt hat, scheint niemanden sonst zu bewegen.

          Dabei ist Patrycia Ziolkowska in Hamburg eine kraftvolle, fast unverschämt selbstbewusste Antigone. Wenn sie sich in dem Erdhaufen wälzt, unter dem sie gegen die Anordnung des Königs ihren Bruder begraben hat, singt sie entrückt wie bei einem archaischen Trauerritual. Meist in der Hocke, fühlt sie sich in Bodennähe wohler als auf Augenhöhe mit den anderen, die Gotscheff wie vergessene, seltsam verdrehte, in bizarre Zeremonien verstrickte Insassen einer Nervenklinik zeigt.

          Bernd Grawert als Kreon sitzt mit üppigem Lorbeerkranz und ordensgeschmückter Uniformjacke an einer kleinen Orgel auf der nackten Bühne und haut wie ein trauriger Wirtshausmusikant in die Tasten. Christina Geiße spielt Antigones Schwester Ismene als skurrile Musterschülerin im BDM-Stil, Oda Thormeyer mit Charme und Schrecken den Chor der Alten, Bibiana Beglau mit physischer Verve und rhetorischer Passion den blinden Seher Tiresias, einen Wächter und einen Boten. Thomas Niehaus als Antigones Verlobter Hämon agiert samt seiner Tuba farblos.

          Ins Nirgendwo

          Die meisterliche Bühnenbildnerin Katrin Brack verstärkt die surreale Atmosphäre durch spezielle, wunderbar zart herabschwebende Seifenblasen, die sich manchmal unterwegs, manchmal erst beim Aufprall in hauchfeine Rauchwölkchen auflösen und die an Pulverdampf und Machtverlust wie an geplatzte Träume erinnern. Ein großer und fast heiliger Ernst liegt über dem rund hundertminütigem Abend, aber er verirrt sich trotz der überwiegend gut disponierten Darsteller, die allerdings nie richtig miteinander, sondern immer nur für sich spielen, ins Nirgendwo.

          Wenn schon Dimiter Gotscheff das Land der Griechen mit seiner respektvoll beharrlichen Annäherung nicht erreicht, jedoch stets forschend und fordernd auf Kurs bleibt, so erleidet Friederike Heller in Berlin mit ihrer absonderlich überspannten Version einen völligen Schiffbruch. Bei ihr steht die Band „Kante“ im Mittelpunkt, die sich Friedrich Hölderlins Übersetzung der „Antigone“ zu krawalliger Rockpoesie zusammengeschustert hat und mit lärmendem Klangbrei verschmiert.

          Am Anfang formieren sich die fünf Musiker und zwei Schauspieler in heutiger, jugendlich-modischer Kleidung zu einem Halbkreis und beginnen einen „Selbsterfahrungskurs“, in dem sie die Vorgeschichte - Ödipus und die Folgen! - erkunden wollen. Später schlüpfen Christoph Gawenda und Tilman Strauß in sämtliche Rollen des Werks, ackern sich holprig durch die Verse, schmeißen Silberstaub als Assoziation an das verweigerte Begräbnis des Polyneikes in die Luft, gebärden sich auf einem Laufsteg wie Popstars, rennen grundlos mal dahin, mal dorthin. Ständig ist ein Mikrofon für ihre Schreie, ihr Flüstern bereit - bis Kreon unwirsch den Stecker zieht und Antigone unplugged in den Tod gehen muss.

          Am Schluss dieses Pseudomusicals liegt der König ausgepumpt allein an der Rampe und wird von einer Armada plötzlich herabsinkender Scheinwerfer erdrückt. Es mag Zuschauer geben, die sich in diesem Moment nach zwei Stunden schlimmsten Dekonstruktionstheaters ungeachtet Antigones Wahlspruchs - „nicht zu hassen, zu lieben bin ich da“ - denken: Endlich! Dass Regisseure Stücke inszenieren, die sie schätzen, versteht sich. Aber nicht, weshalb sie sich, siehe Friederike Heller, auch solche vornehmen, die sie offensichtlich verabscheuen.

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