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Anschlag auf Ballett-Direktor Filin : Unter schwarzen Schwänen

  • -Aktualisiert am

Sergej Filin Bild: AFP

Der brutale Anschlag auf den Direktor des Bolschoi-Balletts erschüttert selbst Kenner der mit Konkurrenz und Härte vertrauten Tanz-Szene. Was zeigt der Fall Sergej Filin?

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          Dem am vergangenen Donnerstag in Moskau nachts vor seinem Haus angegriffenen und schwer verletzten Sergej Filin, seit 2011 Direktor des berühmten Bolschoi-Balletts, geht es besser. Es wird gleichwohl noch ein bis zwei Wochen dauern, bis die Ärzte wissen, ob das Augenlicht des Zweiundvierzigjährigen gerettet werden konnte. Der Täter war vermummt, so dass Filin, wie er am Wochenende in einem Moskauer Krankenhaus sagte, nur die Augen des Attentäters sah, bevor er aus Angst, erschossen zu werden, geflohen ist.

          Nach einer Verfolgungsjagd hat ihm der Angreifer Säure ins Gesicht geschüttet; Filin erlitt am Kopf und im Gesicht Verätzungen dritten Grades. Inzwischen ist er vermutlich nach Brüssel ausgeflogen worden, um dort ohne Furcht vor weiteren Attacken weiterbehandelt zu werden. Es kann sechs Monate dauern, bis der ehemalige Startänzer kuriert ist.

          Personenschutz wurde abgelehnt

          Schockiert haben Freunde des Künstlers sowie Tänzer des Ensembles gesagt, dass trotz aller Rivalitäten niemand mit einem derart brutalen Anschlag gerechnet hatte, zu dem es nun am Ende der schon seit Wochen anhaltenden Bedrohungen Filins kam. Er selbst hatte sich kurz zuvor zwar dem Generalintendanten des Bolschoi-Theater gegenüber besorgt gezeigt, Personenschutz jedoch abgelehnt. Dem Ballettchef waren in den letzten Wochen die Autoreifen durchgestochen worden, und in seinen E-Mail-Account wurde ebenso eingedrungen wie auf seine Facebook-Seite.

          Natürlich entbrennen in jeder führenden Ballettcompagnie der Welt Rivalitäten. Womöglich sind sie dort auch heftiger ausgeprägt als in anderen Gattungen der Kunst, da eine Tänzerkarriere entschieden kürzer ist als etwa die eines Sängers und noch sehr viel kürzer als die jedes Schauspielers. Und vermutlich wird der Wettbewerb in Russlands Top-Compagnien, dem Mariinsky-Ballett in St. Petersburg etwa und eben Filins Bolschoi-Ballett in Moskau, brutaler ausgetragen als irgendwo sonst, denn diese Ensembles sind mit 210 bis 230 Tänzern wesentlich größer als alle anderen. Die Pariser Oper beispielsweise hat nur 177 Tänzer.

          Der Kampf der Traditionalisten

          Zu welchen Konsequenzen dieser Konkurrenzkampf schon führte, zeigt die Geschichte: Alexej Ratmansky, einer der berühmtesten Choreographen der Gegenwart, gefragt in New York, London, Paris und Amsterdam, legte 2008 das Amt des Bolschoi-Ballettdirektors nieder und ging zum American Ballet Theatre - nicht zuletzt, weil er sich nicht länger jeden Abend hinter doppelten Wohnungstüren verkriechen wollte. Und Oleg Vinogradov war Ballettdirektor am Mariinsky, als er 1995 beschloss, aus Angst vor Anschlägen das Ensemble von Washington aus zu leiten - in einem Interview mit dem britischen „Independent“ äußerte er sogar den Wunsch, den Sitz des ganzen Mariinsky in die Vereinigten Staaten zu verlegen. Im selben Jahr trat nach drei Jahrzehnten in Moskau endlich Ballettdirektor Yuri Grigorovitch ab. Der legendäre sowjetische Tanzchef verschwand allerdings nicht schweigend und friedlich in den Ruhestand. Die Kämpfe zwischen den Modernisierern und den - sowjetischen - Traditionalisten dauern an. Überlegungen etwa, wie „Schwanensee“ getanzt werden darf, werden am Ort der Uraufführung verständlicherweise schärfer diskutiert als anderswo, und Fragen nach der notwendigen postsowjetischen Erneuerung des Repertoires sind auch Jahrzehnte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs noch nicht beantwortet.

          Wenn sich nun falsch verstandener ästhetischer Konservatismus und gekränkte Eitelkeit - vielleicht weil man bei einer Rollenbesetzung übergangen wurde - an einer geschichtsträchtigen Institution wie dieser mischen und dazu das politische Klima jedes Mittel zu rechtfertigen scheint, sind solche Taten vielleicht das Ergebnis. In Russland findet sich immer jemand, der sie begeht, das ist bekannt. Nun gibt es offenbar auch in der Ballettwelt Personen, die vor ihrem Einsatz nicht zurückschrecken. Die Polizei jedenfalls fahndet im beruflichen Umfeld Sergej Filins.

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