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Theaterabende in Berlin : Schattenspiele beim Tapetenkratzen

  • -Aktualisiert am

Das Berliner Ensemble zeigt „Mein Name sei Gantenbein“. Im Bild: Schauspieler Matthias Brandt Bild: Marcus Lieberenz/bildbuehne.de

Werke von Max Frisch und Kate Chopin treffen aufeinander: an zwei aufeinander­folgenden Abenden, an unterschiedlichen Enden Berlins, als Mo­no­loge von zwei bekannten Schauspielern – Anne Tismer und Matthias Brandt.

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          Der Anfang ist fast gleich: Ein Mann kommt bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Oder besser gesagt: Jemand stellt sich vor, ein Mann käme so ums Leben: „Der Tod muss eingetreten sein, kurz nachdem er sich in seinen Wagen gesetzt hatte; es muss ein kurzer Tod gewesen sein, und die nicht dabei gewesen sind, sagen: ein leichter Tod“ heißt es zu Be­ginn von Max Frischs 1964 erschienenem Roman „Mein Name sei Gantenbein“. „Es war ihre Schwester Josephine, die es ihr in gebrochenen Sätzen sagte – eine Offenbarung in Form verschleierter, halb versteckter Hinweise – die Nachricht von der Eisenbahnkatastrophe, mit Brently Mallards Namen an erster Stelle der verzeichneten Todesopfer“ – so beginnt die 1894 im Vogue Magazin veröffentlichte Novelle „Die Geschichte einer Stunde“ von Kate Chopin.

          Auch in ihrem Ende äh­neln sich die beiden Erzählungen – und zwar in der Überraschung des Le­bens, in der Enthüllung des Todes als Traum: „Jemand öffnete die Haustür. Es war Brently Mallard, der eintrat – ein wenig von der Reise gezeichnet, wie im­mer gelassen mit Regenschirm und Ta­sche. Er war weit vom Unfallort entfernt gewesen.“ Und bei Frisch: „Wir sitzen an einem Tisch im Schatten und essen Brot, bis der Fisch geröstet ist, ich greife mit der Hand um die Flasche, prüfend, ob der Wein (Verdicchio) auch kalt sei, Durst, dann Hunger – Leben gefällt mir.“ Und doch liegt zwischen beiden Texten eine ganze Welt.

          Für die eine bedeutet der Tod des Mannes den Anfang einer lang er­sehnten Freiheit. Für den anderen ist er das Ende seines liebsten Spiels: Denn wer tot ist, kann sich nicht mehr verwandeln, ist kein Geschichtenerzähler, hält beim Jonglieren mit den Identitäten die Bälle nicht mehr in der Luft. Wo sich die beiden Autoren ähneln? Darin, dass sie die Vorstellungskraft für die wichtigste Fä­hig­keit des Menschen halten. Dass sie ihn als einen betrachten, der „seine Ge­schichten wechselt wie Kleider“ (Frisch), als eine, die „den freien Jahren ihre Arme öffnet, um sie willkommen zu heißen“ (Chopin).

          Die Ge­schichte von einer, die sich täuscht

          Eine seltsame Koinzidenz, dass diese beiden Texte jetzt in Berlin aufeinandertreffen. Gespielt an zwei aufeinander­folgenden Abenden, an unterschiedlichen Enden der Stadt, aufgeführt als Mo­no­loge von zwei bekannten Schauspielern: Anne Tismer und Matthias Brandt. Bisher waren sie einander fremd. Wie der Mann und die Frau, die sich bei Frisch zufällig in einer Bar begegnen, weil ein anderer nicht kommt – jetzt plötzlich re­den sie miteinander, als wären sie schon immer vertraut. Als könnte keine Ferne sie je wieder trennen.

          Tismer spielt ihren Text, ohne zu reden. Eine stumme Stunde lang steht, liegt, kniet und wartet sie (angeleitet von ihrer Konzeptregisseurin Maria Schleef) im Ballhaus Ost in einem großen Blumenkasten mit virtuellem Hintergrund. Über die Hälfte der Zeit ist sie damit be­schäftigt, die Tapete im Schlafzimmer von der Wand zu kratzen, wie die Heldin in Charlotte Perkins Gilmans „Die gelbe Tapete“ (die dem Abend ebenfalls Motive liefert). Hier soll deutlich werden: jetzt beginnt etwas Neues, hier wird etwas ge­wechselt, die Tünche kommt weg, die Wand wird sichtbar. Immer wieder unterbricht sie ihr Tun mit langsamen, fast zeitlupenartigen Bewegungen. Sie streicht über das Display, sie saugt am Strohhalm ihres Trinkbechers, erwartungsvoll, ungeduldig – aber kein Tropfen kommt.

          Anne Tismer in Maria Schleefs Bühnenfassung der „Geschichte einer Stunde“ von Kate Chopin im Ballhaus Ost
          Anne Tismer in Maria Schleefs Bühnenfassung der „Geschichte einer Stunde“ von Kate Chopin im Ballhaus Ost : Bild: Hendrik Lietmann

          Oben neben einer gnadenlosen Minutenanzeige flimmert der Text, die Ge­schichte von einer, die sich täuscht und für eine Stunde in Freiheit wähnt. Dann kehrt der Mann zurück, und ihr Traum ist dahin.

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