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Berliner Theatertreffen : Da knallen die Korken

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Aus dem Abseits ins Zentrum getanzt: Anne Tismers Solo-Performance weibliche Biographien Bild: Foto Hendrik Lietmann

Radschlagen für die gute Sache: Anne Tismer illustriert 150 weibliche Biographien zum Abschluss des Berliner Theatertreffens.

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          Dass es beim Berliner Theatertreffen nicht unbedingt nur um Kunst geht, sondern häufig – und zunehmend – auch um Tagespolitik, ist bekannt. Insofern bot in diesem Jahr „Name her. Eine Suche nach den Frauen+“ den passenden Abschluss des von ernüchternden Besucherzahlen niedergeschlagenen Festivals: wenig Theater, viel Lecture, noch mehr wohlfeile Moral. Sechs Stunden lang trug Anne Tismer in einer Art illustrierter Vorlesung in pointierter Form die Kurzbiographien von 150 Frauen respektive „weiblichen Personen“ vor, die es meist nicht ins kollektive Gedächtnis geschafft haben.

          Anne Tismer stand dabei allein auf der Bühne, doch zu hören war außerdem mitunter die Regisseurin Marie Schleef, die sich unsichtbar aus dem Saal zu Wort meldete, freundlich weiterhalf oder Informationen nachschob. Für das Theatertreffen, das dieses Jahr ausschließlich digital ablief, wurde eine Filmaufzeichnung der Performance angefertigt und gestreamt. Die Uraufführung fand im September letzten Jahres am Berliner Ballhaus Ost statt, einer freien Spielstätte, die Anne Tismer 2006 mitgegründet hatte. Sie war da bereits in Inszenierungen von Luc Bondy, Matthias Hartmann und Thomas Ostermeier in Stücken von Ödön von Horváth, Botho Strauß und Henrik Ibsen beim Theatertreffen gefeiert worden, aber sie wollte aus dem Betrieb aussteigen, ihre Freiheit und ihre eigene Wahrheit suchen – und sie tat es.

          So verließ sie die Schaubühne, an der sie damals ein Star war, gastierte sporadisch bei verschiedenen kleinen Theatergruppen und der Tanzcompagnie Dorky Park von Constanza Macras, wandte sich den bildenden Künsten zu und begreift sich jetzt als Tanzperformerin. Nach acht Jahren in Togo, wo sie zahlreiche Kunstaktionen realisierte, arbeitet Anne Tismer inzwischen wieder verstärkt in Berlin.

          Weibliche Sicht auf eine andere Geschichte 

          Basierend auf ihren akribisch gesammelten Materialien über vergessene Frauen hat sie mit Marie Schleef „Name her“ als alternative Geschichtsschreibung aus weiblicher Sicht zusammengestellt. Für den ausgedehnten Monolog hat die Bühnenbildnerin Jule Saworski ein multimediales Triptychon entworfen, das sie mit raffinierten Video- und Bildinstallationen auflädt. Dazu werden Filmschnipsel, Youtube-Ausschnitte, Animationen und Grafiken eingeblendet, die Tismer helfen, an Wissenschaftlerinnen und Künstlerinnen, Bürgerrechtlerinnen und Sportlerinnen, Juristinnen und Architektinnen, Comicfiguren, Champagnerwitwen und auch an Herta Heuwer zu erinnern, die 1949 in Berlin die Currywurst erfunden haben soll.

          Es ist ein so langer wie bunter Abend, der quer durch die Jahrhunderte und die Kontinente und natürlich vom Erhabenen zum Gemeinen führt und den Anne Tismer mit bewundernswerter Kondition in einem gut gelaunten Redefluss bewältigt. Sie tanzt und singt, erklärt astrophysikalische Phänomene, schlägt ein Rad oder spielt vor, was die Atome im Innersten zusammenhält. Eine Liste des Periodensystems feiert sie als schönstes Bild der Welt und würdigt die griechische Mathematikerin Theano, die im 6. Jahrhundert vor Christus den „Goldenen Schnitt“ entdeckte. Ob tatsächlich alles stimmt, was hier erzählt wird, kann auf die Schnelle niemand nachprüfen. In seiner Gesamtheit allerdings hat dieses „performative Lexikon“ einen Schwung und überrascht mit immer neuen Wendungen.

          Naturgemäß wird kolossal gelobt und gepriesen, kritische Anmerkungen gibt es kaum, als verböte sich das im Bannkreis des Begriffs Frau von selbst. Amüsanterweise hört man zwischen den einzelnen Szenen stets ein sattes Plopp, wie wenn ein Korken aus der Sektflasche schießt. Außerdem wird regelmäßig Madonnas Hit „Like A Prayer“ angespielt, dessen Energie Anne Tismer in ihren verrückten Exkursionen aufnimmt. Am Theater liegt ihr nicht mehr viel, eher sind ihr Frauenthemen eine Herzensangelegenheit – und die Naturwissenschaften. Um ihre kosmische Neugier zu stillen, bereitet sie sich inzwischen auf ein Physikstudium vor.

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