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Molière am Schauspiel Hannover : Die Endform gepflegter Wohlstandsverwahrlosung

  • -Aktualisiert am

In der Matratzengruft: Philippe Goos schwer angeschlagen Bild: Katrin Ribbe

Es fühlt sich gut an, viel Geld für die Gesundheit auszugeben: Anne Lenk eröffnet die Spielzeit des Schauspiels Hannover mit Molières „Eingebildetem Kranken“.

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          Bei Erkältungssymptomen bittet das Schauspiel Hannover, auf den Besuch von Vorstellungen zu verzichten. Schlechte Zeiten also für Hypochonder vor der Bühne – umso bessere für einen solchen auf ihr.

          Der fühlt sich auch gleich wehleidig-wohl in seinem gigantischen Waschzuber, während seine Haushälterin (als standhaft gute Seele: Irene Kugler) ihn mit gutem Zureden einlullt wie ein Kind und dabei in pointensicherer Betonung die erste Deutung des Abends anbietet: „Es fühlt sich gut an, viel Geld für das Wohlbefinden auszugeben.“ Einen kurzen Moment der Ruhe beschert das dem eingebildeten Kranken Philippe (die Inszenierung verwendet meist die Namen der Schauspieler), der sonst alles tut, um Innehalten zu vermeiden. Philippe Goos gibt ihn als begnadeten Verkäufer seines Selbstmitleids, der wahlweise von sich oder seinem Leiden entzückt ist.

          Wütendes Selbstmitleid

          Der Autor Benjamin von Stuckrad-Barre schrieb einmal über das ermattende Dauerspektakel eines von sich selbst gequälten Menschen: „Ich fühle mich schlecht wie lange nicht und merke, aha: wie immer schon.“ Philippe wäre von dieser eigentlich selbstkritischen Bestandsaufnahme begeistert. Denn im Grunde hat er längst begriffen, dass das Leiden seinem verpflichtungslosen Leben nicht nur verqueren Sinn gibt, sondern zum Bezugspunkt seines Umfelds geworden ist. Und wunderbar lässt sich das Marodsein nutzen für Unverschämtheiten, zu denen nur Leid berechtigt und als Vorwurf, dass nur die angebliche Lieblosigkeit der anderen schuld sei an seinem Zustand. Wohlig-wütendes Selbstmitleid als Endform gelangweilter Wohlstandsverwahrlosung.

          Das Ensemble im Bühnenbild von Judith Oswald
          Das Ensemble im Bühnenbild von Judith Oswald : Bild: Katrin Ribbe

          In einer Art Setzkasten mit pastellfarbenen Quadranten lassen Regisseurin Anne Lenk, Bühnenbildnerin Judith Oswald und Kostümbildnerin Sibylle Wallum die Figuren auftreten. Damit nehmen sie nicht nur Ideen ihrer gefeierten und zum Theatertreffen 2021 eingeladenen Maria-Stuart-Inszenierung am Deutschen Theater Berlin auf, sondern finden für die hermetische Selbstbespiegelung Philippes mit dieser kastenartigen Vereinzelung den passenden Ausdruck.

          Puppenstuben-Hipster-Barock

          Philippe plant, seine Tochter Lea mit Niki, dem gerade zum Arzt ausgebildeten Sohn seines Leibarztes (großartig vor Gockelhaftigkeit platzend: Sebastian Jakob Doppelbauer), zu vermählen, denn sie könne das „für meine Gesundheit in guten wie in schlechten Tagen“ ja wohl tun. Während Niki mit unbeholfener Rede Lea zu überzeugen versucht, mündet die Begeisterung der Väter, diese Ehe zu arrangieren, in skurrilen Ego-Balztänzen. In den Kostümen, die sich vielleicht als eine Art Puppenstuben-Hipster-Barock beschreiben lassen, mutet das umso komischer an und gerät zum Höhepunkt des Abends.

          Und während zu Beginn der Vorstellung manches betont Überdrehte noch so wirkte, als traue man den eigenen Pointen nicht, fügt es sich nun umso besser in das sich anschließende, Philippe zum Besten haltende Verstellspiel, das Lea vor der Zwangsheirat retten soll.

          Bei dem spielfreudigen und mit großem Applaus bedachten Ensemble steht das Komödiantische im Vordergrund; die tieferen Ebenen geraten in der Pastellleichtigkeit streckenweise aus dem Blick. Die Hypochondrie muss deshalb das tun, was sie am besten kann – sich ständig neue Gründe suchen. Denn was wäre dieser Philippe als Gesunder, als einer, der am Ende auch noch von den Gaukeleien seines Unwohlseins allein gelassen werden würde.

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