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„Tosca“ in Mailand : Bloß nicht auf Distanz gehen

  • -Aktualisiert am

Anna Netrebko als Tosca und Luca Salsi als Scarpia Bild: Teatro alla Scala

Die Mailänder Scala eröffnet die Saison mit Puccinis „Tosca“ und Anna Netrebko in der Titelrolle. Es ist ein Schwelgen in Schönheit. Aber wo bleibt der Weltbezug?

          3 Min.

          Die Mailänder Scala hat beste Absichten, wenn sie ihre Saisoneröffnung, den mondänsten Abend des ganzen Landes, zur Demonstration der kulturellen Identität Italiens macht. Pracht der Stimmen, Kraft der Instrumente, traditionellste Schneider, innovativste Designer, kostbarste Oberflächen – was an Mitteln zur Verfügung steht, wird für diesen Abend auf die Bühne geworfen, und natürlich die sinnlichsten Namen der italienischen Oper, Puccini mit seiner „Tosca“ in diesem Jahr.

          Schönheit ist Ziel und Zweck in einem Land, das sich wie kein anderes über das Schöne definiert, Künstlername Belpaese. In Deutschland weiß man das Schöne natürlich auch zu schätzen, aber man hat ihm schnell das Gute und das Wahre an die Seite gestellt. Jederzeit kann man das Schöne abwerfen, wie einen Mantel; nennt man etwas schön, folgt fast automatisch ein Aber. Wer dagegen die Scala besucht, wird unbefangen gefragt, ob es schön gewesen sei. „Bello!“ lautet das Urteil derer, die dabei gewesen sind.

          Und wahrlich ist Schönheit ein Ideal auch der „Tosca“. Zwar wird das Wort „Freiheit“ zitiert, ein Tyrannenmord gezeigt. Aber das Traumpaar der Oper besteht aus zwei Künstlern. Tosca, die Sängerin, Cavaradossi, der Maler, zwei uritalienische Professionen. Einer Öffentlichkeit Freude schenken, Glück im Privaten, so stellen sie sich das Leben vor. Im zweiten Akt werden die beiden von der Politik zermalmt, doch fundamental geht es in ihm um die menschliche Stimme. Sie äußert sich im Reden, im Lachen, im Stöhnen, im Schrei, im Gesang. Hier erscheint die Stimme als Medium; Medium des Begehrens, der Verführung, des Schmerzes, der Liebe, der Angst, der Gewalt, der Lust.

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          Dieses Vermittelnde der Stimmen hat Riccardo Chailly am Samstag zum Thema seiner musikalischen Interpretation gemacht. Ist der ununterbrochene Wechsel der Tonfälle und Farben, häufig ihr Bruch, das unvermittelte Aufblitzen und Verglühen der Leidenschaften das Prinzip von Puccinis „Tosca“, wenn man sie als Drama versteht, so wird die Oper nun von ihrer epischen Seite gezeigt. Die einzelnen Klangereignisse werden als Momente einer Entwicklung hörbar gemacht, das Dirigat verlangsamt das Tempo so weit, dass die Klangfarben und ihre Wandlungen in ihrer ganzen Erlesenheit erfahrbar werden. Chailly hat es sich erlaubt, von Puccini gestrichene Details einer früheren Fassung in die Partitur wieder einzubauen, zum Verständnis des Dramas trägt das nichts bei, wohl aber zu einer unmerklichen weiteren Verlangsamung, die dem Schönen Raum verschafft. Erstaunlich, wie viel Wagner, wie viel hypnotischer Fluss der Dialoge, wie viel Trauermusik nun unterhalb des Impetus der Italianità zu hören sind.

          Netrebko verzichtet auf das schneidend Existenzielle

          In Anna Netrebko als Tosca, Francesco Meli als Cavaradossi und Luca Salsi als Polizeichef Scarpia hat Chailly Sänger zur Verfügung, die sich in sein Orchester einfügen und doch Protagonisten auf der Bühne bleiben. Netrebko etwa berührt durch den reichen, wie durch die Erfahrung des Leids gesättigten Klang ihrer tiefen Lage – hier hat ihre Tosca ihr Zentrum. Aus dieser Lage führt sie ihre Stimme oft im piano, wenn es sein muss auch mit klanglicher Force in die Höhe, bruchlos, vermittelnd, eben nicht zerrissen, wie man es etwa dem anthropologischen Programm des Verismo zuschreibt. Auf das schneidend Existenzielle im hohen Register, das die Interpretationen der Callas in der gleichen Rolle* auszeichnete, verzichtet Netrebko vollkommen, aber das waren andere Ideen in einer anderen Zeit.

          Freilich geht in diesem Schönen alle Welthaltigkeit dieser Oper verloren – die Mechanik des Schicksals, die Entwick-lungslosigkeit der Personen, die triebhafte Gewalt von Sexualität und Macht, die rettungslose Dinghaftigkeit der Figuren in der Welt. All das war an der im Jahr 1900 veröffentlichten „Tosca“ einmal modern, herkömmliche Schönheitsideale der Oper hat Puccini damit gerade unter den Hammer genommen.

          Das Italienisch-Schöne ist ein stahlhartes Gehäuse

          In Mailand aber ist das Schöne unvereinbar mit jedwedem geschichtlichen Denken. Moderne, Geschichte, Gegenwart – in der Oper ist alles eins, Distanznahme ist nicht erlaubt. Das Italienisch-Schöne ist ein stahlhartes Gehäuse, niemand kann und will ihm entkommen. Das geht auch der Regie von Davide Livermore und den Designern des Studios Giò Forma so, die vor einem Jahr mit technisch innovativen Lösungen Aufsehen erregten. Jetzt sind diese Mittel schon Repertoire. Ein riesenhaftes Ballett der Bühnenobjekte wird in Bewegung gesetzt – Säulenportale, Hochaltäre und Kassettendecken kreisen im Raum, Personen fahren auf Laufbändern über die Bühne. Vielleicht ist das ein Winken mit Zaunpfählen – alles Theater! In Abwesenheit eines Konzepts von der Welt und von der Kunst wird dadurch kaum Sinn produziert.

          Im Geist seiner Moderne hat Puccini einen drastischen Schluss komponiert: Nachdem Toscas Liebhaber gefoltert und erschossen wurde, folgt der Selbstmord der Protagonistin. In auswegloser Lage stürzt sie sich von einer Mauer – „ins Leere“, wie es in der Partitur heißt. Diese Leere aber will in Mailand niemand ertragen. Zwar hört man noch den Knall der Gewehrschüsse, durch die Cavaradossi getötet wird. Aber der dumpfe Laut, der entsteht, wenn Toscas Körper auf dem Bühnenboden aufschlägt, wird dem Publikum erspart.

          An Stelle der akustischen Zumutung wird eine optische Vision inszeniert, eine Himmelfahrt Toscas. Ihr stummer Körper erscheint nun durch jene barocken Strahlen verklärt, die im Altarbild des ersten Akts der Ekstase der heiligen Theresa entstammten, nach einer römischen Skulptur Berninis. So wird – sehr schön – alles wieder ins Lot gebracht. Tosca und Cavaradossi, die Sängerin und der Maler, wurden unbedacht und ungewollt zu Freiheitskämpfern. Künstler in der Politik, für sie ging das schlecht aus. Aber immerhin haben sie etwas riskiert. Das kann in Mailand heute niemand passieren. Fünfzehn Minuten Applaus.

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