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Netrebko als Elsa in „Lohengrin“ : Anna, mit wem verkehrst du da?

  • -Aktualisiert am

Anna Netrebko als Elsa von Brabant in der Dresdner Semperoper Bild: Daniel Koch

Keine könnte anmutiger in Ohnmacht fallen und verstummen. Wie schön ist es erst, wenn sie weitersingt! In Dresden ist Anna Netrebko zum ersten Mal als Elsa in Richard Wagners „Lohengrin“ zu erleben.

          Wäre sie nicht mit dieser starken, dunklen, vollen, weit ausgreifenden Stimme aus diamantbesticktem Samt begabt, könnte Anna Netrebko ihren Lebensunterhalt auch mit Witze-Erzählen bestreiten. Nun gut. Vielleicht verdienen Komödianten heutzutage nicht ganz so viel. Doch bringt diese Diva die Faxen, mit denen sie ihre weltweite Twittergemeinde bei Laune hält, mit der nämlichen professionellen Intelligenz über die Rampe, mit der sie auch die Wahnsinnsarie der Lucia singt.

          Anfang Mai, als die Proben für die Wiederaufnahme einer alten „Lohengrin“-Produktion an der Semperoper gerade begonnen hatten, postete Netrebko ein Video aus Dresden, und zwar gemeinsam mit dem Tenor Piotr Beczala, der sich freilich unprofessionellerweise sechzehn Sekunden lang hauptsächlich selbst kaputtlacht. Sie hingegen erklärt und verziert diesen Merksatz mit genial überartikulierten russischen Rachenlauten: „Singin’ Wagnerr ch - auf teutsch ch - is not easy!“ Ja, so ist es. Wagner auf Russisch oder Polnisch zu singen ist ganz und gar ausgeschlossen.

          Der Tweet raste einmal um die Welt, und wer es sich leisten konnte, reiste nach Sachsen, um mit dabei zu sein, wenn Netrebko endlich ins Wagnerfach einsteigt – was sie schon vor sieben Jahren, als sich ein Stimmwechsel vom Belcanto- hin zum lyrisch-dramatischen Fach andeutete, in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung angekündigt hatte: „Ja, es stimmt, ich würde liebend gern mal die Elsa singen. Vielleicht singe ich sie eines Tages. Vielleicht wird es nie dazu kommen!“ Jetzt war es so weit. Netrebko sang am Donnerstag zum ersten Mal die Elsa in „Lohengrin“. Auch für Beczala, den zuverlässig klar fokussierten, allezeit beweglichen Belcanto-Tenor, ist dieser „Lohengrin“ die erste Wagner-Rolle überhaupt. An diesem Sonntag findet die zweite Vorstellung statt, wiederum ausverkauft. Sie wird gratis und live hinaus auf den Theaterplatz übertragen, für ein Netrebko-Beczala-Volksfest, bei Radeberger Pils und Brezeln.

          Das außerdem auch ein Thielemann-Volksfest werden wird, auch ein Herlitzius- oder Zeppenfeld-Volksfest. Denn Christian Thielemann, Chefdirigent der Staatskapelle, hatte der Semperoper für diesen Coup nicht nur sechs Wochen Probenzeit verordnet, sondern auch eine „Lohengrin“-Besetzung zusammengestellt, wie man sich zurzeit keine bessere wünschen könnte. Einzig der Sächsische Staatsopernchor intonierte suboptimal. Sonst aber war alles, aber wirklich alles, glanzvoll und ein Operntraum.

          Nur einer hat noch hörbar Probleme mit der deutschen Aussprache

          Da ist Evelyn Herlitzius: Mit gellender Elektra-Wucht und giftdunkler Wut singt sie die Partie der seconda donna als mephistophelische Ortrud, die mit heidnischen Flüchen und massiver Grals- und Gottesverhöhnung das Drama überhaupt erst ins Rollen bringt. Herlitzius kann nicht besonders gut im Mezzopiano singen, das lässt die Intensität ihrer Aktionen nicht zu; also verfällt sie, wenn sie nicht gerade außer sich ist, ins Sprechen. Doch diesmal, im direkten Duell mit Anna Netrebko, zumal in der nächtlichen Balkonszene im zweiten Aufzug, wenn diese beiden Zauberfrauen, Elsa-Netrebko mit weißer Magie, Ortrud-Herlitzius mit schwarzer Magie, aufeinanderprallen, ist das anders: Da fechten sie ihre Dialoge aus wie mit dem Florett, pure Wonne ist es, zu erleben, wie sie einander übertönen oder verschatten.

          Mit Piotr Beczala als Lohengrin

          Auch der junge Tomasz Koniecny steht, als ungewöhnlich hell timbrierter Telramund, seinen Mann. Er ist der Einzige, der noch hörbar Probleme hat mit der deutschen Aussprache, alle anderen artikulieren glockenklar. Der charismatische Georg Zeppenfeld, der als König Heinrich die Brabanter in den Krieg schickt, steckt, wie alle anderen auch, in enorm viel Pelz, Brokat und Leder in dieser lächerlich pseudohistorisierenden „Lohengrin“-Lesart, die von Christine Mielitz anno 1983 entworfen wurde, als die neu-alte Semperoper noch im Bau war. Seltsam, dieser König ist, als Obrigkeit, mit all seinen stramm exerzierenden Mannen mindestens so allgegenwärtig wie die Stasi. Sogar im Brautgemach des frisch vermählten Paares ist Zeppenfeld noch dabei und hilft Elsa beim Anlegen des Nachtkleids.

          Diese Intensität, diese Wahrhaftigkeit lässt die Luft brennen

          Diese Schicksalsszene, wenn sie, die Traumverlorene, sich verzückt halb hingibt, halb verrückt widerstrebt, um schließlich doch noch ihrem Traumprinzen die verbotene Frage zu stellen, was der wiederum nicht verhindern kann: sie verschlägt uns allen den Atem. Die Intensität und Wahrhaftigkeit, mit der Netrebko und Beczala miteinander ringen und singen, lässt die Luft brennen. Am Ende, als er sie verlässt, liegt sie, zum wiederholten Mal an diesem Abend, in Ohnmacht.

          Gewiss könnte keine anmutiger in Ohnmacht fallen und verstummen als Netrebko. Noch vieltausendmal schöner aber ist es, wenn sie wieder aufsteht und weitersingt. Sie ist eine Elsa mit allen stilistischen Facetten, halb kleines Mädchen, halb stolze Herrscherin, zweifelnd, träumend. Als der Vorhang fällt, wirft man ihr Blumen zu, große und kleine Sträuße, auch einen Schwan, aus Plüsch. Mit dem winkte sie lachend ins Publikum, wieder und wieder, denn der Applaus endet nie.

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