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Salzburger Festspiele : Die kristallbestickte Frau in der Wüste

  • -Aktualisiert am

Und obgleich Netrebko ihr Abendkleid nicht wechselt, glaubt man ihr doch, dass sie ein einfaches Mädchen ist, das nur geliebt werden will. Bild: ddp

Anna Netrebko singt mit ihrer Wunderstimme Giacomo Puccinis „Manon Lescaut“ im Großen Festspielhaus. Es ist das Luxuspaket des ganz großen Opernkinos.

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          Kurz vor Ende der Oper hat sich einer der diversen Textdichter – sieben waren es, so viele hatte der Komponist Giacomo Puccini in seiner Pingeligkeit verschlissen für „Manon Lescaut“ – einen naheliegenden Wortwitz erlaubt. Die Titelfigur, die vom ersten Auftreten an konsequent die gesellschaftliche Stufenleiter abwärts trippelt und quasi einen umgekehrten Bildungsroman durchläuft, sich wandelnd von der züchtigen Klosterschülerin über die berechnende Kurtisane zur verurteilten Verbrecherin, ist jetzt, im vierten Akt, im übertragenen wie auch im wörtlichen Sinne, in der Wüste angekommen. Es könnte sich aber auch um einen Sumpf handeln. Laut Libretto liegt diese Wüste in Louisiana, bei New Orleans. Für Manon ist es die Endstation. Hier stirbt sie, an Durst, Hunger, Entkräftung, und singt zuvor noch knapp fünf Minuten lang die Arie „Sola, perduta, abbandonata“, gerahmt von einem herzzerreißenden Duett mit ihrem einzig wahren, doch rundheraus lebenspraktisch unfähigen Liebhaber, der sie infolgedessen auch nicht retten kann. Weshalb die Frau in der Wüste klagt, sie sei „la deserta donna“, eine verlassene Frau.

          Anna Netrebko ist keine donna deserta, im Gegenteil. Sie ist die derzeit bestbezahlte, meistbegehrte Sopranistin der Welt. Sie steht auf dem Zenit ihres Könnens als letzte Operndiva alten Schlags und findet sich auch privat im Glück wieder, wie die Fans ihren fast täglichen lustigen Tweets entnehmen können. Netrebko hat „Manon Lescaut“ ausgewählt für ihren einzigen Salzburger Auftritt in diesem Jahr, für insgesamt drei konzertante Aufführungen im Großen Festspielhaus, um ihr neues Album zu promoten. Es heißt „Verismo“, ist Arien und Szenen aus veristischen Opern von Francesco Cilea, Umberto Giordano, Giacomo Puccini, Ruggero Leoncavallo, Alfredo Catalani und Arrigo Boito gewidmet und wird luxuriös begleitet von Sir Antonio Pappano. Zu einem guten Drittel besteht das Programm aus „Manon“, genauer gesagt aus erwähntem spektakulären vierten Aufzug, ebenjene Wüsten- und Sterbeszene. Und dieses schöne Opernluxuspaket, Konzerte samt Album, dient nebenbei dem guten Zweck, Netrebkos neuem Partner bei dem Weg auf die große Bühne behilflich zu sein.

          Mit „Donna non vidi mai“ singt Eyvazov sich frei

          Seit Ende letzten Jahres ist Yusif Eyvazov, ein stattlicher junger Tenor aus Baku, mit Netrebko verheiratet. Die Rolle des romantischen, leider etwas leichtsinnigen Studenten Renato Des Grieux, der Manon erst entführt und verführt, dann von ihr verlassen wird und ihr schließlich in die Verbannung folgt, ist sein Salzburger Debüt: eine Partie, mit brillanten Couplets und dankbaren Soli beinahe so reich bestickt wie die Robe der Netrebko mit Swarovski-Kristallen. Und jedes Mal hagelt es auffallend aus einer Ecke des Ranges herab kräftigen Zwischenapplaus. Eyvazov bedankt sich am Ende mit einem Kniefall beim Publikum für die freundliche Aufnahme. Er hat ja auch alles richtig gemacht, seine höhensichere Stimme mit schöner Durchschlagskraft und viel Metall sauber durchs Stück geführt.

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