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Anna Netrebko in Dresden : Giuseppe Verdis selbstlos dienende Diva

  • -Aktualisiert am

Große Partie: Anna Netrebko als Elisabetta. Bild: Semperoper Dresden/Daniel Koch

Anna Netrebko debütiert in Dresden ergreifend als Elisabetta an der Seite ihres Mannes in „Don Carlo“. Das handverlesene Publikum erlebte eine Sternstunde.

          3 Min.

          Wenn Oper allein schon elitär sein soll, was wäre dann ein Opernabend mit Anna Netrebko vor gerade einmal dreihundert Gästen? Die vielbeschworene „neue Normalität“? Die russische Sopranistin gab ihr Debüt als Elisabetta in Giuseppe Verdis „Don Carlo“, und nur ein handverlesenes Publikum durfte dieser Sternstunde beiwohnen. Das war den Abstandsregeln geschuldet, die nun auch in Dresdens Semperoper gelten.

          Immerhin ist es geglückt, dort nach diversen Streaming-Angeboten wenigstens ansatzweise wieder den Spielbetrieb zu beleben und ein Programm aufzustellen, das – wenn auch beschränkte – Teilhabe an lebendigem Musizieren zulässt. Das Motto für diesen Alternativ-Spielplan heißt mit einem etwas seltsamen Wort „Aufklang!“, und der Auftakt dazu bot gleich vier Mal eine exzellente Sängerbesetzung auf für die Vor-Bühne. Ein Ersatz für die zu den Osterfestspielen in Salzburg angekündigte Inszenierung des „Don Carlo“ von Vera Nemirova, die mit einem Prolog von Manfred Trojahn versehen ursprünglich im Mai nach Dresden umgesetzt werden sollte, war das beileibe nicht. Aber eine ganz eigenständige Kunstform: Verdi konzertant, auf eineinhalb Stunden gekürzt und in einer kammermusikalischen Einrichtung.

          Wer je die musikalisch ausgefochtenen Duelle zwischen Caffè Florian und Gran Caffè Quadri auf dem venezianischen Markusplatz erlebt hat, durfte sich an deren Banda-Klänge erinnert fühlen. Denn was hier statt großem Orchester ausschließlich von Violine, Violoncello, Kontrabass, Flöte, Oboe, Englischhorn sowie Harmonium und Klavier geboten wurde, entsprach ganz dieser so eingängigen wie mitreißenden Freiluftmusik. Keine Opern-Opulenz, dennoch Zauber, Italianità, Glut! Allein das singende Cello-Solo zu „Ella giammai m’amò“ hatte bereits eine Intensität, die unter die Haut ging. Vom Flügel aus wurde die Aufführung geleitet von Johannes Wulff-Woesten, der ausgewählte Höhepunkte der Oper für Kammerensemble eingerichtet hatte.

          Nur ganze eineinhalb Stunden durfte dieser „Don Carlo“ dauern, pausenlos musste er sein und sollte abstandsvoll über die Bühne gehen. Was erst einmal fünf freie Reihen im Parkett bedeutete und dann etwa hundertfünfzig im ganzen Saal verteilte Doppelplätze. Zu den acht formidablen Instrumentalisten der Sächsischen Staatskapelle gesellten sich sieben Mitglieder des Staatsopernchores sowie ebenfalls sieben Solisten. Wirklich nahekommen durften sich nur Anna Netrebko und ihr Mann, der Tenor Yusif Eyvazov, sie als Elisabetta, Königin von Spanien, und er als Don Carlo, der verliebt aufbegehrende Infant. Also ausgerechnet jenes Paar, das in der Oper zerrissen werden soll.

          Mit szenischen Andeutungen – würdevoll im dunklen, reichlich mit Applikationen versehenen Kleid die königliche Diva, voll platter Gestik ihr Partner – blieb dem Konzert ein Rest von szenischem Spiel erhalten. Vor allem aber bestach natürlich die musikalische Wucht in diesem auch für Dresdner Verhältnisse teueren „Aufklang!“ Wenngleich Kartenverkauf und Erwartungsdruck wohl vor allem durch den Namen des Stars angeheizt worden sind, die zudem ihr Rollendebüt gab – hier stand Netrebko in gleichberechtigter Exzellenz ganz im Dienst der Musik. Warm und mit Inbrunst verströmte sie ihre goldene Stimme, überzeugte mit ergreifender Dramatik und erntete für ihre in jeder Hinsicht souveräne Präsenz immer wieder lautstarke Bravi. Eyvazov hingegen klang in gewohnter Weise eigenartig bronziert, wenngleich mit reichlich Schmelz des Verzweifelten.

          Als Prinzessin Eboli im silbergrauen Funkelkleid besang Elena Maximova die Schönheit des fehlenden Szenenbildes („Nel giardin del bello“) und legte im späteren Quartett „Ah! sii maledetto“ auch eine vokale Theatralik an den Tag. Der zum Solistenensemble des Hauses gehörende Bass Alexandros Stavrakakis übertönte stellenweise das kleine Orchester, aus dem aber immer wieder tief anrührend die geniale Akkordik und Melodik Verdis hervorquoll. Geradezu himmlisch das Englischhorn in Elisabettas Romanze „Non pianger, mia compagna“.

          Im Begeisterungssturm: Anna Netrebko nach ihrem Auftritt.

          Auch der Marquis von Posa und König Philipp konnten hauseigen besetzt werden. Sebastian Wartig rührte mit dem Freundschaftsbeweis Posas „O Carlo, ascolta“ beinahe zu Tränen, was sich in dieser besonderen Konstellation fast wie Memento Mori der Kunstform Oper hören ließ. Königlich nobel gab sich Tilmann Rönnebeck mit einem Bass voller Farbe und unausgesetzter Kraft als Philipp, aufreizend frisch Mariya Taniguchi vom Jungen Ensemble in ihrem Part als Tebaldo.

          Die fünfzehn Minuten Schlussapplaus waren mehr als verdient. Das schon wieder hörbar internationale Publikum der Semperoper bedankte sich für die Geste des Hauses, nach langem Schweigen endlich wieder lebendige Musik zu bieten, wenngleich das Theater ausgebremst blieb, und es bedankte sich für ein Sängerfest in kongenialer, großartig eingerichteter Begleitung.

          Lied, Kammermusik und Orchesterkonzerte unter der Leitung von Christian Thielemann werden die Reihe fortsetzen. Sie bleibt mit herben Einschränkungen verbunden, und das Wissen darum macht diesen „Don Carlo“ im Nachhinein zu einer Sternstunde, die einen zugleich bedrückt in die Zukunft blicken lässt.

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