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Verdis „Macbeth“ in Freiburg : Was Putin verführte

Die Chance zur Machtergreifung muss man nutzen: Juan Orozco als Macbeth im Bann der schönen Hexen. Bild: Martin Sigmund

Die Angst des Diktators vor der Jugend: Der ukrainische Regisseur Andriy Zholdak inszeniert in Freiburg „Macbeth“ von Giuseppe Verdi und spricht über den Bezug des Stückes zu Russlands Angriffskrieg.

          3 Min.

          Als der ukrainische Regisseur Andriy Zholdak Anfang Mai, schon mitten im russischen Angriffskrieg gegen sein Land, am Theater Freiburg begann, Giuseppe Verdis Oper „Macbeth“ über Aufstieg und Sturz des Terrorherrschers zu inszenieren, drängte sich für ihn der Bezug zu Präsident Putin geradezu auf. Zholdak, der in dem von Verdi in Musik gesetzten archetypischen Shake­s­peare-Drama Antriebskräfte der Machtgier ausleuchtet, wollte aus der kinderlosen Lady Macbeth eine wahnhafte Patriotin machen, die, während sie die Hauptfigur zu immer neuen Bluttaten anstachelt, sich dadurch zugleich in eine religiös-erotische Ekstase hineinsteigert. Den Hexen, die bei ihm als Tänzerinnentrio den Machtmenschen in Versuchung führen, habe er das Aussehen der jungen, der mittleren und der älteren Angela Merkel verleihen wollen – da die Kanzlerin Putin zu besänftigen suchte, ihn durch ihre Energiepolitik aber enthemmte –, sagt Zholdak im Gespräch mit der F.A.Z., das in einem Freiburger Café zwischen Englisch und Russisch hin und her springt. Doch die Probenzeit habe nicht gereicht, so der Regisseur, der schließlich nur durch eine Großaufnahme von der Bergung eines barocken Kruzifixes in Lemberg und eines von einem zerschossenen ukrainischen Wohnhaus zu Beginn und am Ende der Pause auf den Gewaltexzess in der realen Welt verwies.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          Zholdak, der das Schewtschenko-Theater in Charkiw leitete, bevor er 2006 nach Berlin übersiedelte, aber auch noch 2014 den Moskauer Theaterpreis Goldene Maske für seine Petersburger Produktion des „Eugen Onegin“ gewann, sagt, er spüre den Keim des Totalitären in jedem Wort der russischen Sprache, wie im Übrigen auch der deutschen. Der Künstler führt das auf das Gepäck einer großen Kultur in beiden Ländern zurück, die dem jeweiligen Welteroberungswahn Vorschub geleistet habe. Das Bewusstsein, Erbe von Lermontow, Tschechow und Tschaikowsky zu sein, habe, so ist er überzeugt, Putin und seinen militaristischen Gesinnungsgenossen ihre Kriegsentscheidung erleichtert.

          Sein „Macbeth“, der jetzt in Freiburg Premiere feierte, ist ein allegorisches Märchen über Jäger und ihre Beute. Während der Ouvertüre, die der Dirigent Ektoras Tartanis druckvoll, mit schroffen Generalpausen gestaltete, zeigt ein Video von Daniel Zholdak, dem Neffen des Regisseurs, Hirsche durch eine Schneelandschaft laufen und ein Tier, vom Schuss getroffen, zusammenbrechen. Die Kamera vergegenwärtigt den Blick des Raubtiers, mit dem Präsident Putin, der Tigerretter und Meisterangler, sich früh identifizierte und begleitet einen Adler beim Schlagen großer Tiere.

          Präsident Putin versteht sich als Raubtier

          Zholdak, ein bekennender Buddhist, zeigt den Despoten Macbeth, den Juan Orozco mit mächtigem, doch auch ausdrucksvoll vielfarbigem Bariton gibt, als Getriebenen – nicht zuletzt von den jugendlichen, in den Ballettszenen der Pariser Fassung von 1865 lachend und schreiend auf halber Spitze über die Bühne fegenden Hexen. Die Bühne von Daniel Zholdak ist ein zeitloses Multifunktionspalais, in dem die aufreizenden Mädchen Bücher, tote Rehe und blutrote Läufer bedeutungsvoll umhertragen. Der von Norbert Kleinschmidt geleitete, vorzüglich aufgelegte Chor, der die Bluttaten bald expressiv, bald im tänzerischen Taumel beklagt, tritt als grau gekleidete Manövriermasse der Wehrlosen vorzugsweise an den Bühnenrand gedrängt in Erscheinung.

          Die chilenische Sopranistin Roxana Herrera Diaz bewältigt die Ex­trempartie der Lady Macbeth bravourös, höhensicher, aber auch fahl flüsternde und aufschreiende Passagen nuancenreich gestaltend. Den Ziel- und Gipfelpunkt ihres Machtstrebens vergegenwärtigt in der Ballettszene des dritten Akts ihr Video-Walzertanz mit ihrem Mann, bei dem sich Dirigent Tartanis, in schick dämonischem Lederumhang, als wahrer Fädenzieher des Dramas auf der Bühnenleinwand heranzoomen lässt.

          Die leicht ausgefranste Regie macht aus der stummen Kinderrolle des überlebenden Banco-Sohnes einen gekrönten Jungen, der durch die Produktion geistert und die Angst des Diktators vor der Folgegeneration verkörpert. Zholdak findet es symptomatisch, dass Putins Angriffskrieg so viele russischsprachige junge Männer – auf beiden Seiten der Front – das Leben kostet. Die Ukraine zu retten sei eine Aufgabe für ganz Europa, sagt er. Denn Putin werde seinen Vormarsch von sich aus niemals stoppen, und sein Ziel, Kiew einzunehmen, habe er keineswegs aufgegeben.

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