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Mozartfest Würzburg : Im kollektiven Rausch

  • -Aktualisiert am

Christophe Rousset dirigiert Mozarts „Idomeneo“ in der Würzburger Residenz. Bild: Dita Vollmond

Das Würzburger Mozartfest bietet einen furiosen „Idomeneo“ mit Christophe Rousset, einen scharfkantigen Bruckner und eine fragile Uraufführung mit Andris Nelsons.

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          Das Mozartfest mischt sich ins Würzburger Stadtbild wie ein Grundrauschen, das einem erst auffiele, wenn es plötzlich verschwinden würde. Es zeigt Flagge entlang der Innenstadtstraßen: sattes Granatrot, tief und warm. Den Gedanken, in diesen schwierigen Wochen, wo Hoffnung und Ernüchterung so nahe beieinanderliegen, just am Außenwerbungsetat zu kürzen, haben die Intendantin Evelyn Meining, deren Vertrag gerade vorzeitig bis 2029 verlängert wurde, und ihr kleines Team offenbar nie gehabt oder schnell wieder verworfen. Auch wenn im hundertsten Jahr des Festes längst nicht so viele Hörer direkt dabei sein können, wie sonst zu erhoffen gewesen wäre: Es geht darum, Lebendigkeit zu beweisen, da zu sein und Zeichen zu setzen mit dem, was eben möglich ist.

          Beispielsweise der „Raum für Mozart“ in einem Ladenlokal, wo man dann aber nicht nur Wolfgang Amadé in locker gereihten Bildern und Tafeln begegnen kann, sondern auch dem Jazz-Drummer Tobias Schirmer, der aus Zivilisationsabfällen wie Fahrradspeichen, Bremsscheiben oder Topfdeckeln neue Instrumente montiert und vorführt: Aus Schrott wird Klang. Und da sind die Graffiti-Sprayer an einer Straßenmauer zwanzig Meter weiter, die heiter ein paar überlebensgroße Mozart-Köpfe in den Stadtraum setzen – einander ähnlich, aber in Details schlau und witzig variiert, wie man das auch in seiner eigenen Musik erfahren kann.

          Solches Hineingehen in den Alltag ist ohnehin ein Prinzip des vierwöchigen Festes. In diesem Jahr der Pandemie aber trägt es vielleicht auch Züge eines widerständigen Trotzes gegen alle Einschränkungen. Man meint ihn manchmal bis in die Abendprogramme hinein zu hören: wenn das Klavierduo Tal & Groethuysen, das erste Mal nach sieben Monaten wieder vor Hörern aktiv, seine vertrauten Vierhandstücke, schon hundertfach miteinander aufgeführt, mit solch andrängender Energie präsentiert, dass die Zäsuren in Franz Schuberts f-Moll-Fantasie wie schwarze Löcher zum Erschrecken weit aufreißen oder den Stücken des Festivalpatrons alle Geschmeidigkeit ausgetrieben und der harte Kern strenger Gedankenarbeit herausgeschält wird. Oder wenn Andris Nelsons seine Interpretation von Anton Bruckners sechster Symphonie mit den Bamberger Symphonikern (in deren heimischer Konzerthalle statt im vorgesehenen Würzburger Dom, dessen Bespielung ebenfalls den Corona-Restriktionen zum Opfer fiel) diesmal ganz anders anlegt als in seiner doch noch ziemlich frischen Einspielung mit dem Leipziger Gewandhausorchester – viel weniger samtig-füllig und klangschwelgerisch, sondern mit scharfsplitterig konturierten, gewalttätig blendenden Blechbläsersätzen, tiefer Traurigkeit im Adagio und einem mutwillig herausfordernden Scherzo: Musik, die unverarbeitete Traumata zu übertönen versucht.

          Diesem auf Gott und die Welt gerichteten Ringen hat der estnische Komponist Jüri Reinvere ein zehnminütiges Stück des Sichaussetzens und tiefen Hineinversenkens in die Klänge entgegengestellt, so still und fragil oft, dass schon das Umwenden der Notenblätter fast zum Störfaktor wird. „Maria Anna, wach, im Nebenzimmer“, eines der beiden Auftragswerke des diesjährigen Festes, ist ein Nachtbild um Mozarts ältere Schwester, das „Nannerl“ – ihm nah und offen, dennoch in einer anderen Welt. Grillenzirpen, Sternengeflimmer, das Wehen des Windes in den Vorhängen oder die eigenen tiefen Atemzüge, vielleicht auch träumerisch abgesunkene Erinnerungsfragmente: Vieles wird in den oszillierenden Klangbändern dieser Uraufführung geöffnet, nichts herbeigezwungen; Musik äußerster Diskretion, in der Außen- und Innenwelt zusammenfließen und die von Nelsons und den Bambergern mit staunenswerter Delikatesse lebendig gemacht wurde.

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