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„Amphitryon“ in Frankfurt : Da schaut ein Gott selbst in die Röhre

Auch auf dem Laufband ist es öde ohne Liebe: Flughafen Theben, Terminal 1, in Andreas Kriegenburgs Frankfurter „Amphitryon“ Bild: Birgit Hupfeld

Ach, das ist Kleist? Andreas Kriegenburg inszeniert „Amphitryon“ am Schauspiel Frankfurt als Identitätskrisendrama am Transitflughafen: Warten, Whisky trinken, Rollkoffer schieben.

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          Gott trägt Dreiteiler, die Uniform des Geschäftsmannes. Er hat sie angezogen, um sie möglichst schnell wieder ausziehen zu können. Den Deal, um den es geht, stellt er sich einfach vor: Er will für eine Nacht ins Bett der schönen Alkmene, und das möglichst ohne lange Verhandlungen. Deshalb schlüpft Jupiter in die Haut von Amphitryon, Alkmenes abwesendem Gemahl. Max Simonischek spielt ihn als jungen Feldherrn auf den Schlachtfeldern des gehobenen Managements, der schwarze Rollkoffer des Frequent Flyers ist sein Streitwagen. Von der feindlichen Übernahme seines Ehebetts durch Göttervater Jupiter ahnt er nichts.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Das ist seit Plautus und Molière das Komödiantische am Amphitryon-Stoff: eine Ehebruchsgeschichte als Verwechslungskomödie. Aber Alkmene liebt ihren Gemahl mehr, als ein Mensch glauben und ein Gott ertragen kann. Das ist das Tragische an Kleists 1807 erschienener genialer Bearbeitung des Stoffes: ein Liebesraubtrauerspiel, das alle Beteiligten in eine Identitätskrise stürzt, den Göttervater eingeschlossen. Denn Jupiter muss erkennen, dass für Alkmene nach der unvergleichlichen Nacht, für die er immerhin siebzehn Stunden lang den Lauf der Sonne aufhielt, die Welt nicht anders aussieht als zuvor: Patrycia Ziolkowskas Alkmene ist facettenreich: ein tugendschöner Vamp, unschuldig in ihrer Laszivität, naiv in ihrem fast schon wollüstigen Gottvertrauen, das indes keinem Gotte gilt: Sie kennt nichts Größeres als Amphitryon und nichts Schöneres als das Eheglück mit ihm. So raubt sie Jupiter, der sich die irdischen Wonnen mit einem schäbigen Trick erschleichen musste, auch noch den Triumph des überirdischen, weil olympischen Liebhabers. Ein Gott nimmt so was schon mal übel.

          Schnösel aus dem olympischen Salon

          Andreas Kriegenburg macht am Schauspiel Frankfurt aus dem mythischen Theben einen Durchgangsort der technisch entzauberten Moderne. Das Bühnenbild von Harald B. Thor besteht aus zwei übereinander liegenden, an U-Bahn-Stationen erinnernden Röhren, durch die wie im Flughafen Laufbänder führen, die ab und an zum Einsatz kommen. Dann fahren die Schauspieler auf ihnen von links nach rechts oder von rechts nach links, wie Koffer, die von eiligen Durchreisenden vergessen wurden. Zu Beginn des Abends ertönt großstädtischer Straßenlärm, dann tasten sich Sosias und sein Doppelgänger Merkur in den Röhren vorwärts, der eine oben und der andere unten. Zwei kleine Beamte der mittleren Laufbahn, gekleidet in Mittelbraun: Socken, Anzug, Aktentasche, alles Ton in Ton.

          Schon mit der ersten Szene, die Sosias bei Kleist allein bestreitet, betont Kriegenburg die Parallelstruktur der Handlung, indem Sebastian Reiß als Merkur dem Sosias von Christoph Pütthoff ins Wort fällt und ihn sogar wie eine Marionette zu dirigieren scheint. Sinnvoll ist das nur auf den ersten Blick. Denn Sosias ist die einzige Figur im Stück, die in typisch Kleistscher, also unauflöslicher Dialektik ihre Autonomie zumindest zum Teil bewahrt, indem sie sich in das Unerklärliche fügt und die Existenz des Doppelgängers einfach hinnimmt. Pütthoff spielt den philosophischen Knecht als Stoiker, der akzeptiert, dass er nun zwei Körper und zwei Köpfe hat, aber nicht bereit ist, sich deshalb auch nur eines seiner Hirne zu zermartern.

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