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„Amphitryon“ in Frankfurt : Da schaut ein Gott selbst in die Röhre

Sein Gegenspieler Merkur ist bei Sebastian Reiß ein derber Handlanger, mehr sadistisch veranlagter Scherge als edler Götterbote, der gern mit dem Elektroschocker austeilt und Charis, die Frau des Sosias, mit betont beiläufiger Wonne demütigt. Friederike Ott spielt sie als Hausdrachen, der zugleich nölen und keifen kann und sich erwartungsvoll in eine Badewanne legt, die reichlich unmotiviert plötzlich dort auftaucht, wo soeben noch Sofa und Stehlampe von Alkmenes Salon zu sehen waren. Zusammen mit Merkurs Unterhosen von wahrhaft klassischen Ausmaßen ist das fast schon alles, was Kriegenburg dem Stück, das Thomas Mann als das „witzig-anmutsvollste, das geistreichste, das tiefste und schönste Theaterspielwerk der Welt“ bezeichnet hat, an komischen Momenten abgewinnen kann.

Es liegt etwas entschieden Unentschlossenes über dem dreistündigen Abend, der vor allem ein Problem mit dem Rhythmus hat. Kriegenburg setzt auf retardierende Momente, extreme Verlangsamung, elegische Bilder existentieller Einsamkeit. Dann muss Simonischek mit dem Whiskyglas in der Hand auf seinem Rollkofer hocken und schwermütig vor sich hin brüten. Was tut sein Amphitryon sonst noch? Er spricht streng mit der Gattin, verzweifelt an ihrer Aufrichtigkeit, kichert, rauft sich die Haare, deutet an, dass er dabei ist, halbwegs gefasst in den Wahnsinn abzugleiten, und lacht schallend, wenn Merkur und Jupiter ihn übel zurichten, als wären sie Kneipenschläger, miese, kleine Straßengötter. Fridolin Sandmeyers Jupiter ist ein Schnösel aus dem olympischen Salon, eine Spur zu lässig und gelangweilt, und wenn er die berühmte Klage führt, dass auch der Himmel leer sei ohne Liebe, müssen einige Zuschauer lachen.

Das ist kein Wunder, denn konsequent ist an diesem Abend nur das Bühnenbild. Die stumme erste Begegnung von Amphitryon und Patrycia Ziolkowskas Alkmene, ihr zögerndes Herantasten, als wollten sie das Glück des ersten Wiedersehens möglichst lange auskosten, ist zart und eindringlich, das stumme, musikalisch unterlegte Intermezzo vor der viel zu spät angesetzten Pause hingegen verliert seinen anfänglichen poetischen Reiz im Laufe von zehn sich zäh dehnenden Minuten.

Der Himmel ist leer ohne Liebe: Jupiter (Fridolin Sandmeyer) und Alkmene (Patrycia Ziolkowska)

Und wenn Sebastian Reiß als Merkur im ersten Bild der zweiten Hälfte des Abends einen Juckanfall bekommt, sich den braunen Anzug vom Leib reißt und zur Erklärung „Polyester“ stöhnt, geschieht das nur, damit er von nun an in der Unterhose durch die immer weniger miteinander kommunizierenden Röhren paradieren kann. Doch Kriegenburgs Versuche, das Tempo ein wenig anzuziehen, kommen zu spät. Bei Molière durfte

Alkmene bis zum Schluss nicht erfahren, dass sie von Jupiter betrogen wurde. Bei Kleist ist sie die eigentliche Hauptfigur, deren berühmtes „Ach“ über die Bühnen schwebt wie eine unvergängliche Schneeflocke. In Frankfurt lag Patrycia Ziolkowska jetzt reichlich derangiert neben einem blutig geprügelten Amphitryon, richtete sich kurz auf und entließ ihr „Ach“ in die Nacht, die es einfach verschluckte. Ohne jeden Nachhall.

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