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Lorcas „Yerma“ in Dresden : Erotik aus dem Katalog

Ein Abend bei Perwoll-Werbung-Atmosphäre: Die Sauberfrauen in Andreas Kriegenburgs Inszenierung sind in knielange, aus Männerhemden geschneiderte Röcke gekleidet. Bild: Sebastian Hoppe

Junge Frauen, die Milch umstoßen, in Wäschebergen nach Luft schnappen und sich T-Shirts vom Leib reißen: Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Lorcas „Yerma“ ist eine verschwitzte Männerphantasie.

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          Sie hat falsch gespielt. Man wird ihr sagen, es sei ein Triumph gewesen, ein Glanzstück, eine Darstellung, wie sie im Buche steht, aber das stimmt nicht. Sie war die Falsche, und sie hat es falsch gespielt. Falsch, was soll das heißen, bei einem Stück, das in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts auf dem andalusischen Land spielt und von einer jungen Frau handelt, die daran verzweifelt, kein Kind zu bekommen. Die doch nur wie die anderen im Dorf Mutter sein und Spitzen auf die Windeln ihres Kindes nähen will. Das klingt so fern und fremd, so unemanzipiert nach Küche und Herd, das kann man doch heute gar nicht richtig spielen. Oder?

          Simon Strauß
          Redakteur im Feuilleton.

          Jedenfalls sollte man nicht einfach so tun als ob. Genauer: Ein Regisseur sollte nicht versuchen, seine junge, lebendige Hauptdarstellerin als eine Frau vergangener Tage zu tarnen und mit Klischees imaginierter Weiblichkeit zu beschweren: etwa, wenn Yerma, die kinderlos „Brachliegende“, am Küchentisch masturbieren und dabei anspielungsreich ein Glas Milch umstoßen muss. Oder wenn sie sich Wasser über das T-Shirt schüttet, damit es noch wilder aussieht, wenn sie es sich danach vom Leib reißt. Oder wenn sie sich eine Melone in den Schoß drückt, weil der ja ach so trocken ist. Klischees nicht so sehr von Weiblichkeit, sondern vor allem vom befriedigungssüchtigen protomännlichen Blick. Er will sehen, wie sich junge Mädchen das Hemd über den Kopf ziehen, ihre verschwitzten BHs ins Scheinwerferlicht halten und den Finger an die Lippen führen. Auch wenn Andreas Kriegenburg in seiner Inszenierung sehr darauf aus ist, eine flirrende Stimmung zu erzeugen, wirkt das Spiel meist nicht sinnlich, sondern wie Erotik aus dem Katalog.

          Gefangen in männlichem Verlangen: Deleila Piasko als Yerma
          Gefangen in männlichem Verlangen: Deleila Piasko als Yerma : Bild: Sebastian Hoppe

          Der kindersüchtigen Yerma gegenüber steht ein schadenfroher Chor junger Mütter, der ihr auf Schritt und Tritt den Mangel ins Gedächtnis ruft und auf geradezu unverschämte Weise wohlig-zufriedene Fruchtbarkeit verkörpert. Die Kostümbildnerin Andrea Schaad kleidet diese Sauberfrauen in knielange raschelnde Röcke, die phantasievoll aus Männerhemden geschneidert sind und im Laufe des Abends ihre Farbe von Weiß und Blau zu schwarz und Rot wechseln – ein bisschen entsteht dadurch eine Perwoll-Werbung-Atmosphäre, aber das stört nicht sehr. Viel enervierender ist die permanente Untermalung des Gesprochenen durch choreographische und musikalische Einsprengsel, durch kollektive Schnips-Klatsch-Bewegungen und schrammelnde Gitarrensoli aus dem Off. Was den lyrischen Ton der Textvorlage verstärken soll, schwächt ihn entschieden. Das Ganze wirkt operettenhaft aufpoliert. Dazu kommt ein Licht, das seine Leuchtstärke und Farbe wie in der Erlebnisdusche ständig wechselt. Egal, was auf der von Harald Thor kastenförmig gebauten Bühne geschieht, alles soll hier stimmungsvoll und symbolisch sein.

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