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Dostojewski-Inszenierung : Verprasst statt verpasst

  • -Aktualisiert am

Das Publikum wird als Zuschauer verwöhnt und als Zuhörer gefordert. Bild: Matthias Horn

Im mitreißenden Rausch des totalen Spiels inszeniert Andreas Kriegenburg am Münchner Residenztheater eine Bühnenbearbeitung von Fjodor Dostojewskis „Der Spieler“. Es ist ein Fest der Gleichzeitigkeiten.

          Das Spiel ist aus. Das ist der Wermutstropfen, der in all den Flaschen kleben bleibt. Sie stecken in Polstersesseln, lehnen an Geländern, schwimmen eisgekühlt in Waschtischchen oder sind zwischen die Dielen gerollt. Und mit dem Alkohol sind schließlich auch die Worte versiegt. Viele Worte waren es, rasch gesprochen, geschwatzt, geschluchzt oder gezielt gesetzt. Zwei Stunden lang perlte und spritzte es, schäumte es über, in den Gläsern wie in den Mündern. Und wenn das eine oder das andere leer war, wurde nachgeschenkt auf der sich immerfort drehenden Bühne des wilden Lebens in Roulettenburg.

          Gekrönt von einem strahlenden Kronleuchter, stand da ein Spieltisch als Zentrum und Gipfel dieses Lebens, auf dem im Trubel die Kugel und die Rubel rollten. Anstatt zu schlafen, wechselte man nur die Kleider, so verging die Zeit. Wen kümmerte es, dass das Eisen unter der Tribüne rostig war, das Holz unter den Füßen uneben, der Plüsch unter den Händen löchrig, das Leder unter dem Gesäß rissig und das Balkongeländer, an dem man lehnte, brüchig? Wenn doch der grüne Filz so makellos, so zeit- und vorurteils-, so tadellos lockte.

          Aber dann kam die Pause – und veränderte alles. Seitdem herrschen statt Pomp, Party und Champagner Stillstand, Kargheit und Tristesse. Die Eiswürfel sind geschmolzen, die Koffer gepackt, und das Licht ist fahl wie der Sekt, der nicht mehr perlt. Auf der Bühne jedoch ist gar keine Zeit vergangen – die Illusion ist nur verpufft. Wie zum Beweis wird die letzte Replik noch einmal gesprochen und wirkt nun noch herzzerrissener: „Also willst du nicht.“ – „Also kann ich nicht!“ Und nach einer guten halben Stunde ist das Spiel aus.

          Maximaler Einsatz

          Der glanzvolle Lebensmittelpunkt ist erloschen; kein Weg führt mehr in die Illusion zurück. Das ist der Wermutstropfen, der im Münchner Residenztheater an Fjodor M. Dostojewskijs Roman „Der Spieler“ kleben bleibt. Wer wissen will, wie das Spiel weitergehen könnte, muss in Dostojewskijs Briefen, seinem Leben weiterlesen. Denn eindeutiger noch, als die in einem einzigen hechelnden Atemzug unerschütterlich vorantreibende Geschichte ohnehin mit den dramatischen Umständen ihrer erpressten Entstehung in nur 26 Tagen und dem tragischen Leben seines spielsüchtig hochverschuldeten Autors verknüpft ist, liest sie Andreas Kriegenburg für seine Inszenierung. Was er wohl bisher verpasst habe, fragt sich Dostojewskijs Ich-Erzähler und Alter Ego Alexej Iwanowitsch, als er nach Roulettenburg kommt und der Roman beginnt. Der Regisseur antwortet: „Nichts.“

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          Als Erklärung markiert Kriegenburg einen Bühnenstreifen als zusätzliche Erzählebene und erfindet eine Art Prolog: An der Rampe stehen sechs Mikrofone, und vom Beginn der Vorstellung überrascht, raffen die sechs Schauspieler Lilith Häßle, Thomas Loibl, Hanna Scheibe, Philip Dechamps, Thomas Gräßle und Arnulf Schumacher rasch ihre Kostümteile und wärmen sich einige Minuten lang mit rhythmischem Wortspiel auf: „Geld ist gut. Geld ist Haben. Hab und Gut. Guthaben ... Spiel um dein Leben ... Oh, es beginnt!“ Was nun beginnt, ist ein fiebrig glänzender, schwindelerregend rasanter, tragikomisch mitreißender Theaterrausch aus Präzision, Timing und Detailreichtum.

          Alexander Nitzbergs Neuübersetzung aus dem Jahr 2016 spielt Kriegenburg dabei in die Karten. Und der Regisseur wie sein Ensemble setzen ihren maximalen Einsatz auf ein Feld: Wie Roulettekugeln klappern die Figuren durch die von unstillbarer Gier, schnellem Geld und unerfüllter Liebe bestimmten Machtspielchen in Dostojewskijs Geschichte, welche natürlich auch eine heutige ist. Klappern die Schauspieler über die sieben Arme, welche das luftige Casinozentrum auf der fantastischen Bühne von Harald B. Thor krakengleich ausstreckt: Formlose Bretterstege mit leichtem Gefälle tragen zimmerähnliche Möbelgruppen im vergangenen Glanz von 1866.

          Es schmilzt dahin

          Der Raum unter dem riesigen Gerüst dient indes als Garderobe. Zuweilen kehrt man von dort aus ans Mikrofon zurück, um für Alexej die Erzählerrolle einzunehmen. Oder sie für sich einzufordern: Schonungslos vollzieht Charlotte Schwab in der Rolle der mondänen russischen Großmutter, auf deren Erbe alle spekulieren, den Ruin am Spieltisch auch als körperlichen Verfall. Auch Alexej, der als Hauslehrer im Dienst des bankrotten russischen Generals zwischen die taumelnden europäischen Glücksspielritter gerät, genießt es nur so lange, sich über all die Kapitalisten – den tugendhaften Deutschen, den maßlosen Franzosen, den gerissenen Polen, den steifen Engländer – zu erheben, bis auch ihn der Selbstverlust trifft.

          Der unscheinbare graue Anzug, den Thomas Lettow trägt, steht seinem flinken Alexej schlecht. Aber er erinnert an das „Rien ne va plus“ des Schicksals, das ihm seine Liebe als Verletzlichkeit diktiert und ihm in München in Gestalt von Lilith Häßles Polina, der Stieftochter des Generals, die weder ihre rote Lockenmähne noch ihre sprunghafte Extravaganz zügeln kann und will, auch kaum von der Seite weicht.

          Es ist ein Fest der Gleichzeitigkeiten. Doch der schöne Charme dieser Inszenierung ist auch Verhängnis. Das Publikum wird als Zuschauer verwöhnt und als Zuhörer gefordert. Sein Einsatz: große Konzentration. Sein Gewinn: große Unterhaltung. Sein Problem: Wie geht das bei diesem Tempo zusammen? Wenn dann im zweiten Teil die Liebe nicht halten kann, was das Geld im ersten versprach, ernüchtern nicht nur Alexej und seine Umgebung, sondern auch die Inszenierung und ihr Publikum. Das liegt in der Natur des Spiels. Aber der schnelle Gewinn schmilzt schnell dahin.

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