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Andrea Breths „Zwischenfälle“ in Wien : Das ganz begreifliche Glück von Katastrophen

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Risse im Gefüge des Alltags: Elisabeth Orth, Johanna Wokalek und Gerrit Jansen stehen vor einem unerwarteten Durchbruch Bild: REUTERS

Andrea Breth inszeniert im Wiener Akademietheater „Zwischenfälle“, dreiundfünfzig Minidramen, eine Weltkomödie in Splittern und Brüchen. Daraus wird das Witzwunder der Saison. Mit überwältigenden Schauspielern.

          Gleich wird der Zug in den Bahnhof einlaufen. Man hört ihn schon aus der Ferne rattern. Vier Damen und sechs Herren, alle in solid eleganten grauen Anzügen oder Kostümen, stehen gelangweilt gespannt neben ihren Koffern am Perron, der im Wiener Akademietheater von einer Sperrholzwand, in die vier Türen geschnitten sind, gebildet wird und ausschaut wie der rampenschmale Wartesaal einer Endstation, die diesen Wartesaal eigentlich gar nicht mehr nötig hat. Die eine der Damen richtet noch einmal ihr Jackett, die andere das perückenglänzend strahlgraue, glatte Haar, das, zu Bubiköpfen geschnitten, zwei ihrer Kolleginnen auch tragen, die dritte (ohne Bubikopf) zeigt noch lasziv unterm Schlitz im Kostümrock ein bisschen Schenkel, der niemanden mehr interessiert.

          Die Köpfe aller aber recken sich, einsteigebereit, dem einfahrenden Ungetüm entgegen - das höhnisch lärmend mit einem Höllenfauchen den Bahnhof durchrast. Vorbei. Das gleiche Spiel beim nächsten Zug. Die zehn Leute, die dringend weg wollen, aber nicht dürfen, recken nun die Köpfe zum Himmel. Von dort kommt ein ganz anderes Dröhnen und grelles Pfeifen, als habe sich eine ganze Eisenbahn in die Luft erhoben und stürze nun auf die zehn zu, die sich, ineinander verknäuelt, in panischem Schrecken in eine Ecke stürzen. Dann ein Knall. Dunkel. Vorhang.

          Die Szene heißt „Am Bahnsteig“. Es fällt darin kein einziges Wort. Sie ist der zweiundfünfzigste von dreiundfünfzig „Zwischenfällen“, die Andrea Breth, die große Tragödienregisseurin, zu einem irrwitzigen Katastrophenkomödienreigen verknüpft hat. Als sei die Welt, die sonst bei ihr und den großen Stücken im schönen Kampf mit dem Schrecken untergeht, hier nichts als ein Witz, der erst im Schrecken erblüht. In der Ausbeutung kleinster Stücke von drei ziemlich vergessenen Großmeistern der Minidramatik. Die ihre Szenen, Splitter, Sketche und Dramolette dem Wahnsinn des Alltags ablauschten.

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          Dramatiker einer verkehrten Welt

          Wobei Pierre-Henri Cami, der surreale Witzbold, der von 1884 bis 1958 lebte und als Schauspieler, Komiker, Chaplin-Freund und Herausgeber einer Zeitschrift namens „Der kleine illustrierte Leichenwagen“, die prompt an einem Totensonntag ihr Erscheinen wieder einstellen musste, in Frankreich einen Ruhm genoss, der längst vergangen ist und auch einen Ausgrabungsversuch der Berliner Schaubühne im Jahr 1983 (unter anderem mit Luc Bondy) nicht überlebte, dem täglichen Leben den Boden über den Köpfen wegzog und beispielsweise aus dem „Rotkäppchen“ ein „Grünkäppchen“ machte. Dagegen lässt sein Landsmann Georges Courteline (1858-1927) den Alltag Alltag sein - nur dass er ihn völlig verdreht. Leute, die nichts haben, bekommen was; wer Schuldner ist, wird Gläubiger. Courteline ist der sarkastisch lächelnde Dramatiker des Siegs der Unverschämtheit: Da kostet ein Tritt in den Hintern fünfzig Francs, auch wenn gar nicht getreten wird.

          Während der arme Avantgardist Daniil Charms, Jahrgang 1905, der in Stalins Gefängnissen 1942 verhungerte, die Brutalität des frühsowjetischen Alltags in schwarz-absurde Fälle und Schläge und Stürze und unbegreifliche, aber vollkommen logisch erscheinende Vorkommnisse (plötzliche Bisse in Hinterteile, abgerissene Arme etc.) verwandelt. Drei Dramatiker einer verkehrten Welt. In der sich die unsere zerrspiegelt.

          Verweise im Beziehungslosen

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