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Andrea Breths „Hamlet“ in Wien : Prinzenrolle rückwärts

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Wer von Anfang an meschugge ist, der kann und muss sich nicht mehr wandeln: August Diehl in der Titelrolle Bild: Bernd Uhlig

Hirnkasperls Abramakabra oder Wie es ihr monumental zerfällt: Regisseurin Andrea Breth scheitert am Wiener Burgtheater grandios an William Shakespeares „Hamlet“. August Diehl bleibt in der Titelrolle hysterisch leblos.

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          Im „Hamlet“, einem Rätselmultistück aus dem Jahre 1603, stecken mindestens sechs Stücke: eine Staatstragödie, ein Spionagereißer, ein Liebesdrama, eine Kindertragödie, ein Kriegsbericht, ein Schlachtfest. Oder aber (mit mehr komödiantischem Einschlag): die Unzuchtschlangengrube („Mami und der Onkel“); die Inzuchtscharteke („Papi Polonius und seine Püppi“); die Haifischbeckenvermessung („Fressen und gefressen werden“); die Intrigantenverknäuelung („Die Mausefalle“); der Sohneskomplex („Ödipus in Dänemark“); die Totenbeschwörung („Es ist etwas faul“) . . . und so fort bis in alle Shakespeare-Ewigkeit. Man kann aus jedem dieser jeweils „Hamlet“-Sixpacks ruhig eine Sechstelinszenierung basteln. Aber man sollte weder versuchen, alle sechs in eine Inszenierung zu packen (zwei oder drei reichen), das wird zu viel, das geht über die Kraft; noch versuchen, aus einem Sechstel sechs Stunden Theater zu walzen, das ist zu wenig – und weilt zu lang. Exakt Letzteres hat jetzt Andrea Breth im Wiener Burgtheater zelebriert: einen Sechstel-Shakespeare in sechs Stunden, von spätnachmittags bis Nachmitternacht.

          Andrea Breth, die Große, Hochverehrte, die es sonst immer fertigbringt, die alten Stücke ausschauen zu lassen, als seien sie eben erst geschrieben, ausgegraben aus dem Frischehumus einer staunenmachenden Gegenwärtigkeit, zeitgenössisch bis aufs Sprachmark, wuchtet eine Riesengrabplatte auf die Bühne des Hohen Hauses. Es dreht sich unaufhörlich ein riesiger gläserner Zylinder, über dem ein Lichtnieseldom aus Nebelschwaden wabert, hinter dem dürres Gesträuch dem Geist von Hamlets Vater Gelegenheit gibt, als Schrebergartengespenst in metaphysischer Ghandi-Unterhose zum Riesenschwert spukhaft zu greifen, da er gekommen ist, um den jungen Hamlet anzuspornen, den „unerhörten schnöden Mord“ zu rächen, den sein Bruder Claudius ihm angetan, der scharf auf die Frau des Alten und dessen Königreich war. Um den Glaszylinder herum edelste Holzpaneelwände, Ledersessel, Konferenzstühle, Tische mit Laptops.

          Man hat sich im Neu-Reich des brudermörderischen Königs Claudius mit Designmöbeln aus dem Hause Dansk-Form eingerichtet, spricht in Staatskonzernchefhaltung in Hochfrequenzmikrofone, wenn man, wie der König, mitteilen will, dass man nun neu verheiratet und gnädig gestimmt sei. Auch das Gespenst des alten Königs spricht, diesmal angetan in alter Ritter Rüstung, in dieses Mikro, um dem Jungen Dampf zu machen. Auch betet der König, wenn ihm seine „unerhörte Tat“ als G’wissenswurm in der Seele nagt, im Großraumbüro zwischen Dutzenden von Laptops: um deutlich zu machen, dass Gebete zwischen Laptops „nicht zum Himmel dringen“ (vor allem wenn die Laptops von G’wissenswurmviren verseucht sind). Die Königin Gertrude trägt Prada (weiß, lang, enganliegend, figurbetont, mit Silberschlängelborden), die Tochter des Oberkämmerers und Oberlauschangriffsorganisators Polonius ein nachtblaues Samtkleid (Missoni?), der König Weiß in Weiß, Polonius auch Weiß in Weiß, jeweils zweireihige Anzüge mit Weste, phantastisch geschnitten. Die Kostümbildnerin Moidele Bickel sei ausdrücklich gepriesen: Sie hätte so auch den Herbstball eines Golfclubs von Wien-Helsingör ausstaffieren können.

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