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Abschied vom Burgtheater : Die Tragödienformel der Andrea Breth

Kostbare Sammlung von Widerwärtigkeiten

Vor allem aber hebt sie die räumliche, also soziale Distanz zwischen den Figuren auf. Die Bühne dreht sich, aber sie kennt kein oben und unten. Man sieht und belauert sich. Man täuscht, lauscht, spielt einander etwas vor. Hinter Oliver Stokowskis Maurerrechtschaffenheit lauert dieselbe Gewaltbereitschaft wie bei seinem Schwager Bruno, nur gezügelt durch einen vollen Magen. Wenn Andrea Eckert als Morphinistin Sidonie Knobbe ihr Leben ausbreitet wie eine kostbare Sammlung von Widerwärtigkeiten, ist Hassenreuther sofort in den Bann geschlagen. Nicht vom traurigen Schicksal der Frau, sondern von ihrem schauspielerischen Talent.

Sven-Eric Bechtolf tänzelt in gutmütiger Aasigkeit über die Bühne, Charleston liegt in der Luft, Couplets erklingen. Andrea Wenzl zerrt als Hassenreuters frühere Geliebte Alice mit den Zähnen an den Frackschößen des Direktors und Stefan Hunstein als Käferstein, der eine von zwei talentlosen Schauspielschülern des Direktors, kommt mit einer Gummiratte zwischen den Zähnen aus den Kulissen, während die Ratten als Zitat von Katharina Fritschs berühmter Skulpturengruppe „Rattenkönig“ stumm im Hintergrund warten.

Mit einem Bein in der Malaise

Die ganze Bühne ist mit zerknülltem Papier übersät, in einer Ecke, wo sich Johanna Wokalek und Sarah Viktoria Frick (als Dienstmädchen Pauline Piperkarcka) einen Ringkampf liefern werden, stapeln sich Töpfe, Eimer, Blechbüchsen. Alina Fritsch als Nachbarstochter Selma, hungrig, vernachlässigt bis zur Hohläugigkeit, irrt den ganzen Abend im Nachthemd und auf Socken umher. Auf dem Gerippe eines Gitterbettchens steht eine blitzblank geputzte Toilettenschüssel, ironischer Gruß aus einer anderen Welt, in der man gelernt hat, seinen Unrat unauffällig verschwinden zu lassen.

Die Hassenreuters wirken hier wie Besucher, die sich verlaufen haben, aber ahnen, dass sie womöglich nicht mehr zurückfinden werden. Mit einem Bein stecken sie bereits fest in der Malaise, mit dem anderen tanzen sie noch fröhlich Foxtrott. Sylvie Rohrer als Frau Direktorin ist die betrogene, ganz in den Stolz auf Gestriges gehüllte Ehefrau, Marie-Luise Stockingers Walburga ein Backfisch, der sich als spätes Mädchen sieht.

Je länger der Abend dauert, desto mehr verschwimmt der historische Moment, in dem er angesiedelt ist. Christoph Luser als Theologiestudent Spitta, der zweite von Hassenreuters Schülern, führt noch die Theaterdebatte der Jahrhundertwende, seinen Vater spielt Wolfram Koch als Landpfarrer aus dem neunzehnten Jahrhundert, während die Kostüme von Françoise Clavel auf die dreißiger Jahre verweisen und im Programmheft nachzulesen ist, wie die Nationalsozialisten 1942 Hauptmanns achtzigsten Geburtstag in Wien begingen. Ein Hauch von Horváth weht durch die Burg, und im nächsten Moment marschieren zwei Dutzend Herren in Wettermänteln auf, stumm, gesichtslos, die Kragen hochgeschlagen. Sind sie Vorboten kommender Saalschlachten, Repräsentanten einer anonymen Masse, Fußsoldaten eines aufziehenden Heers der Arbeitslosen? Zunächst wirken sie bedrohlich, dann rätselhaft, dann überflüssig.

Langsam und erbarmungslos zieht Andrea Breth die Tragödienschlinge zu. Die Fassaden sind zertrümmert, Gefühle, Erfolge, Versprechen von gestern sind nur noch vergilbtes Papier. Am Ende dreht sich die Bühne wieder. Man sieht dieselben Menschen wie am Anfang aneinander vorbeigehen, ohne sich anzusehen. Aber jetzt hat es niemand mehr eilig. Jette John, ganz hungriges, von Sehnsucht und Einsamkeit zernagtes Herz, hat sich aus dem Fenster gestürzt. Schier endlose Minuten dauert diese letzte, stumme Szene. Dann ist der Abend vorüber. Aber noch nicht ganz.

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