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András Schiff im Internet : Landkarte der Melodien

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Der ungarische Pianist Sir András Schiff Bild: Wonge Bergmann

Béla Bartók hat Unmengen von Volksliedern gesammelt. Sie fanden Eingang in seine Klaviermusik. Auf der Website des Klavier-Festivals Ruhr gibt nun der Pianist András Schiff eine kenntnisreiche und anschauliche Einführung dazu.

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          Jeden Schritt ein wenig anders setzend, stolpert ein Mann nach einem lustigen Abend im Theater beschwipst nach Hause und pfeift auf dem Weg einen Operettenschlager von Franz Lehár. Wenn der ungarische Pianist András Schiff über die Klaviermusik seines Landsmannes Béla Bartók spricht, in diesem Fall über dessen zweite Burleske, reiht sich ein Bild an das andere. Ein kleines, heiteres Klavierstück wird zu einer Geschichte in Tönen. Phantasie steht nicht in den Noten, lautet ein Diktum von Schiff.

          Auf der Website explorethescore.org wird die Musik des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts mit den Möglichkeiten des Internets veranschaulicht. Es handelt sich um eine vom Klavier-Festival Ruhr ins Leben gerufene multimediale Plattform, die auf den eigenen Musikvermittlungsprojekten, etwa der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in Duisburg-Marxloh, gründet. Neben Igor Strawinsky, György Ligeti und Pierre Boulez kann nun auch die Klaviermusik von Bartók erkundet werden – gemeinsam mit András Schiff, der in Youtube-Videos nicht nur Einblicke in seine Assoziationswelten gibt, sondern Hintergründiges aus dem eigenen Klavierunterricht erzählt.

          Wer auf diese Weise in den Kosmos Bartók eintaucht, begegnet zwangsläufig dem Volkslied. Mit dem Phonographen ausgestattet, streifte der vom Landleben und von der Bauernmusik begeistere Komponist durch die Dörfer seiner Heimat und sammelte Melodien, darunter mehr als zehntausend ungarische, aber auch rumänische, slowakische und bulgarische. Während Bartóks Musik heute gerade für das Thema „Exil“ aktuell ist, geht seine Feldforschung auf ein national verankertes Musikdenken zurück. In akribischer Transkription führte er die Melodien mündlich tradierter Volkslieder in schriftlich notierte Kunstmusik über. Es ist ein überaus spannender Transfer, schließlich verfügt das westliche Notationssystem zwar über ein reiches Zeicheninventar, mit dem die charakteristische unregelmäßige Metrik, aber auch Feinheiten wie Artikulation und Tempoveränderungen recht genau festgehalten werden können. Doch gleichzeitig stößt es hier an Grenzen.

          Béla Bartók beim Aufschreiben von Volksliedern
          Béla Bartók beim Aufschreiben von Volksliedern : Bild: Foto Archiv

          Ein schönes Beispiel dafür findet sich in der didaktischen Sammlung von Klavierstücken „Für Kinder“, der von Bartók gesammelte Melodien zugrunde liegen. Ein achtzehnjähriges Mädchen hatte die Melodie eines Hochzeitsliedes in den Phonographen gesungen, es geht um die goldenen Federn eines Pfaus und das schaumige Wasser des Marosch. In der Erstausgabe der Klavierstücke druckte Bartók die Melodie als Nr. 35 allerdings mit einem anderen Text ab. Im Gegensatz zu heute gebräuchlichen Volksliedern weisen Text und Melodie hier einen eher lockeren Zusammenhang auf. Vergleicht man die Aufnahme des Mädchens mit Bartóks Transkription, wird zunächst ersichtlich, wie genau der Komponist Lautstärke- und Tempoveränderungen in der Partitur nachbildete. Die Spieldauer gab er sekundengenau an. Jedoch wird auch deutlich, wie ungenau die Achtelnoten den in der zeitlichen Gestaltung freieren Gesang wiedergeben. Die historische Einspielung des Klavierstücks durch den Komponisten führt vor Augen, dass Bartók, obwohl als Musikethnologe um Authentizität und Exaktheit bemüht, sich als Interpret reichlich Freiheiten nahm.

          Schon in diesem kleinen Klavierstück wird im Dreischritt die Genese der Klaviermusik Bartóks wunderbar logisch und nachvollziehbar aufbereitet, letztlich zu den verschiedenen Perspektivierungen durch unterschiedliche Interpreten führend. Für András Schiff sind gerade die Texte der Volkslieder von elementarer Bedeutung. Selbst wenn sie in den Klavierstücken den Melodien nicht mehr unterlegt sind, liefert die am Wort orientierte Deklamation des Textes wertvolle Hinweise, wie Notenwerte gedehnt oder gerafft werden können. Das Klavier wird zum Melodiensänger. In der erwähnten, dem Titel nach beschwipsten Burleske bildet Bartók die unsicheren Schritte des Heimkehrers in seiner eigenen Einspielung durch eine wankende, nicht notierbare Tempogestaltung nach. Dieses Wissen prägt wiederum heutige Interpretationen, auch wenn Versuche bloßer Nachahmung zum Scheitern verurteilt sind.

          Für diese und weitere Erkundungen erweist sich explorethescore.org als ein Musikführer, der die Vorteile digitaler Medien zu nutzen weiß und die ästhetische Erfahrung klug mit analytischem Wissen und fundierter Quellenarbeit verbindet. Das Gehörte wird im Notenbild visualisiert; auch wenn die Musik des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts als schwer vermittelbar gilt, gibt es hier kaum Barrieren. Unter den vielen Digitalangeboten in Zeiten der Pandemie ist dieses ein sehr fruchtbares.

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