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Donizetti in New York : Das Mädchen aus dem stählernen Nordosten

Hillbilly-Elegie für junge Liebende: Edgardo (Javier Camarena) und Lucia (Nadine Sierra) träumen sich im selbstgemachten Erinnerungsbild nach oben, in den Himmel über ihrer kleinen Stadt. Bild: Jonathan Tichler

Der Regisseur Simon Stone verlegt an der Metropolitan Opera New York Donizettis „Lucia di Lammermoor“ in die Industrieruinen des amerikanischen Rostgürtels und erzählt viel über die USA der Gegenwart.

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          Sir Walter Scott war der intellektuelle Schutzpatron der „Quarterly Review“, die sein Verleger John Murray 1809 gründete, um der „Edinburgh Review“ ihr Monopol auf Literaturkritik zu nehmen. In der sieben Jahre älteren Zeitschrift demonstrierten Musterschüler der Philosophen der schottischen Aufklärung ihren Freiheitssinn durch den Willen zum Verriss, unter einem lateinischen Motto, wonach der Richter verdammt wird, der den Schuldigen freispricht. Für den anonymen Rezensenten der „Quarterly Review“, der 1821 die neuesten Romane des produktiven Scott auf den Schreibtisch bekam, dürfte es Ehrensache gewesen sein, an diesen Prosaepen, die nach inzwischen bewährtem Schema ihre Stoffe dem großen Gang der britischen Gesellschaftsgeschichte entnahmen, im Kleinen auch etwas auszusetzen.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          In „The Bride of Lammermoor“, erschienen 1819, entwickelt sich die tragische Liebesgeschichte aus dem Bürgerkrieg zwischen Anhängern und Gegnern des Königshauses der Stu­arts vor dem Hintergrund des Wandels der Produktionsverhältnisse und der politischen Sitten. Lucy Ashton verlobt sich heim­lich mit Edgar, Master of Ravenswood, dem ihre Aufsteigerfamilie die Ländereien abgenommen hat. Edgar bemüht sich nicht nur auf dem modernen Weg einer Berufungsklage vor dem Oberhaus um die Wiedererlangung seines Erbes, sondern konsultiert auch drei Klageweiber, die ihn an die Hexen aus „Macbeth“ erinnern. Prompt weissagen sie ihm einen geheimnisvollen Tod. An diesem metaphysischen Ornament im Historienroman nahm der Kritiker Anstoß: „Es ist nicht das Geschäft von Geistern, Hypothekenschuldnern oder Hypothekengläubigern zu erscheinen.“

          Ein festes Ensemble pittoresker Ruinenmotive

          Als Salvadore Cammarano die Handlung von Scotts Roman für das Libretto von Gaetano Donizettis 1835 in Neapel uraufgeführter Oper zusammenstrich, entsprach das Resultat diesem unheilsökonomischen Merksatz: Er sparte den gesamten juristischen Komplex ein und setzte die schwarzseherischen Botinnen vor die Operntür. Si­mon Stone, der aus Basel gebürtige, in Australien ausgebildete Re­gisseur hat an der Metropolitan Opera in New York das Stück jetzt aus dem Schottland des späten siebzehnten Jahrhunderts ins Amerika des frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts verlegt, genauer gesagt in die verfallenden Industrieregionen im Nordosten der Vereinigten Staaten, die mit dem poetischen Namen des Rostgürtels zusammengebunden werden. Wie vor zweihundert Jahren der keltische Rand der lateinischen Zivilisation, so ruft heute diese Landschaft ein festes Ensemble pittoresker Ruinenmotive vor das geistige Auge der lesenden Bürger jener Großstädte, die sich noch Opernhäuser leisten können.

          Von dem, was die Hochzeitsgesellschaft von Lucy Ashton zu hören bekommt, nachdem sie auf den Bräutigam eingestochen hat, den sie statt ihres selbst gewählten Verlobten hat heiraten müssen, ist im Roman nur ein einziger artikulierter Satz überliefert, aus dem Cammarano und Donizetti den berühmtesten Wahnsinnsmonolog der Opernliteratur gestrickt haben. Den Zuckungen machte der Tod ein Ende, schreibt Scott, „ohne dass sie fähig gewesen wäre, ein Wort zur Erklärung der fatalen Szene herauszubringen“. Stone reicht dieses Wort mit seinen Mitteln der Bildsprache nach, möchte den Fatalismus des Plots soziologisch ausbuchstabieren.

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