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Filmkomponist John Williams : „Hitchcock wollte Popmusik als Soundtrack“

Wurde nie gefeuert: John Williams Bild: Picture-Alliance

John Williams geht so gut wie nie ins Kino. Ein Gespräch mit dem amerikanischen Filmkomponisten über „Star Wars“, Steven Spielberg, der im „Weißen Hai“ selbst Klarinette spielte – und die offizielle Hymne des Bösen.

          6 Min.

          Mr. Williams, haben Sie vor ein paar Monaten dieses Video aus Frankreich gesehen, mit dem Polizisten und dem Mann mit der Trompete?

          Claudius Seidl

          Redakteur im Feuilleton.

          Nein, ich glaube nicht, worum ging es?

          Es war auf einer Demonstration. Ein Polizist schreitet auf eine Gruppe von Demonstranten zu. Und der Mann mit der Trompete spielt Ihren „Imperial March“, das Darth-Vader-Thema. Eine Hymne, die inzwischen so gültig ist wie die „Ode an die Freude“ – nur mit der gegenteiligen Bedeutung.

          Die Kraft der Musik ist erstaunlich, und die Kraft des Kinos, das diese Musik zu so vielen Menschen bringt, auch. In mancher Hinsicht sind das sehr gute Zeiten für uns. Wir Komponisten können nur dankbar sein dafür, dass Musik so leicht verbreitet werden kann. Zu Beethovens Zeit war das unvorstellbar. Dabei ist er vermutlich der größte Komponist, der je gelebt hat, und seine „Ode an die Freude“ kann die Welt vereinen. Niemand hat die Idee universaler Brüderlichkeit besser ausgedrückt.

          Auch die Hymne des Bösen, der „Imperial March“, hat die Kraft, die Guten zu einen. Nicht nur die im Kino, wie man in dem Video sieht.

          Ich hatte Anfang des Jahres ein wunderbares Erlebnis in Wien, mit den Philharmonikern. Wir hatten eine Probe, es war schwierig mit den Blechbläsern, und irgendwann dachte ich: Es ist genug, ich will sie nicht ermüden. Aber am Ende der Probe fragten sie, ob wir nicht noch den „Imperial March“ spielen könnten. Als ich das Thema schrieb, vor mehr als vierzig Jahren, hätte ich nie gedacht, dass Jahre später sich noch jemand dafür interessieren könnte. Und schon gar nicht, dass er auf einer Demonstration gespielt würde.

          Stimmt es, dass Sie sich die Filme, für die Sie die Musik geschrieben haben, niemals anschauen?

          Ich muss gestehen, dass ich eigentlich nie ins Kino gehe. Ich arbeite im Filmgeschäft vor allem deshalb, weil mein Vater hier in Hollywood im Filmorchester spielte. Ich studierte Musik und arbeitete als Pianist mit den Orchestern von Alfred Newman, Franz Waxman, Bernard Herrmann...

          Die Meister der symphonischen Filmmusik. Gibt es einen bestimmten Moment im Prozess des Filmemachens, an dem der Komponist endlich die Szenen zu sehen bekommt, zu denen er die Musik schreiben soll?

          Normalerweise bekomme ich den „director’s cut“ zu sehen. Der ist meistens schon so perfekt, dass ich das Timing der Musik darauf abstellen kann. Und dann geht der Prozess erst los. Der Schnitt wird geändert, damit der visuelle Rhythmus besser zur Musik passt, dann wird die Musik modifiziert, es kann sehr lange dauern.

          Normalerweise heißt: Es geht auch anders?

          Manchmal sagt der Regisseur: Schreib die Musik für diese Szene, und ich werde sie im Rhythmus der Musik schneiden. Als Komponist liebt man das. Ein Beispiel dafür war „JFK“, Oliver Stones Film über die Ermordung Kennedys. Seine Idee war, dass drei verschiedene Augenzeugen auch drei verschiedene Erinnerungen an den Mord haben. Er bat mich, drei Szenen aus drei verschiedenen Perspektiven zu schreiben, was ich tat. Dann mischte er das und schnitt den Film im Rhythmus dieses Mixes. Steven Spielberg hat das Ende von „E.T.“ nach der Musik geschnitten. Die emotionale Wucht dieser Szene hat wohl damit zu tun: nicht unbedingt, dass ich so gut gewesen wäre; aber der Rhythmus, die Kinetik der Szene ist, was wir „rubato“ nennen. Wenn die Musik sich entfaltet und alles vorwärts- treibt. Es kommt nicht oft vor, dass ein Regisseur sagt: Schreib erst die Musik, aber natürlich liebe ich das.

          Kommt es auch mal vor, dass Sie sagen, Sie finden, dass der Regisseur kein Gefühl für den Rhythmus hat?

          Nein, man passt sich als Komponist der Ästhetik des Regisseurs und dem Rhythmus des Films an. Es gehört nicht zu den Aufgaben des Komponisten, einem Regisseur zu sagen, wie er seinen Film schneiden soll. Man würde ziemlich schnell gefeuert.

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