https://www.faz.net/-gqz-8nbav

Gespräch mit Bill Murray : „Amerika ist ein hoffnungsvoller Ort“

  • -Aktualisiert am

Bill Murray, einer der „Ghostbusters“, heute auch als Sänger unterwegs Bild: interTOPICS/Armando Gallo

Der amerikanische Schauspieler Bill Murray singt jetzt auch, rezitiert Hemingway und bleibt optimistisch. Eine Begegnung in Berlin in einer komplizierten Woche.

          Mister Murray, diesmal sind Sie nicht in Berlin, um einen Film zu drehen, sondern um vorzulesen – und zu singen. Begleitet wurden Sie bei Ihrem Auftritt von den Musikern Mira Wang, Vanessa Perez und Jan Vogler, anschließend soll es auf Tournee gehen. Wie haben Sie sich kennengelernt?

          Bill Murray: Es war 2013 auf einem Flug von Berlin nach New York. Jan saß auf der anderen Seite des Gangs mit seinem großen Instrumentenkoffer. Ich fragte ihn: Kriegen Sie das in die Gepäckablage über dem Sitz? Er sah mich an, als sei ich hirntot, und meinte: „Nein, es hat seinen eigenen Sitz.“ Und ich sah, wie er das Cello in seinem Sitz anschnallte. Eine Passagierin neben uns hatte Flugangst. Niemand, auch nicht die Stewardessen, wurden mit ihr fertig, sie war wirklich aufgebracht. Also redeten wir mit ihr, lenkten sie ab, fütterten sie ...

          Jan Vogler: Du hast es sogar geschafft, ihr Eiscreme zu besorgen. Die Crew meinte erst, es gäbe keine. Aber du bekamst welche.

          Murray: Ganz schöne Anekdote. Ich glaube, wir haben sie sogar mit einem Löffel gefüttert.

          Vogler: Am Ende landete das Cello dann doch noch im Gepäckfach. Und sie neben mir.

          Murray: Sie bekam den Musiker. Wie es halt so geht. Dann habe ich Jan zu dieser Poetry-Walk-Sache eingeladen, bei der ich seit etwa zwanzig Jahren mitmache. Es ist ein Spaziergang über die Brooklyn Bridge, bei dem Gedichte vorgelesen werden. Jan hatte die Idee, Lesung und Musik zusammenzubringen. Und wir dachten uns, was wäre, wenn wir herumlaufen und Musik machen würden, Gedichte lesen würden beim Poetry Walk. Er bat Mira und Vanessa dazu, und wir machten ein Programm.

          Vogler: Dieses Jahr sah ich mit meinen Kindern den Film „Das Dschungelbuch“, in dem Bill sang (Murray sprach Balu den Bären, Anm. d. Red.). Ich wusste nicht, dass du so gut singen kannst. Da war uns klar, dass wir nicht nur Musik und Sprache hatten, sondern auch die Brücke, die beides verbindet: Gesang.

          Bill Murray (r.) mit Mira Wang (l.), Vanessa Perez und Jan Vogler vergangene Woche in Berlin

          Murray: Es ist aufregend, diese Musik zu spielen. Bei jedem neuen Stück hast du dieses Ziehen in der Brust und denkst: Das nächste wird sie umhauen. Wir haben vor Berlin (auf Einladung von VW und dem Magazin „GQ“, das Murray als Mann des Jahres in der Kategorie „Legende“ auszeichnete, Anm. d. Red.) nur im New York Yacht Club gespielt. Die Leute waren ein sehr anspruchsvolles New Yorker Publikum, das nicht leicht zu bewegen ist. Aber sie waren fassungslos. Sie waren darauf nicht vorbereitet.

          Die Literatur, die Sie vortragen, ähnelt einem Kanon der klassischen amerikanischen Literatur: James Fenimore Cooper, Mark Twain, Walt Whitman, Ernest Hemingway...

          Murray: Es ging darum, die Essenz und die Wurzeln dessen zu finden, was man als den literarischen Selbstausdruck der Neuen Welt bezeichnen kann. Wie es war, als Dichter den Geist dieses Landes zu verkörpern, das einen späten Start hatte, von Europa aus betrachtet. Wie das Land spät anfing, blühte und wuchs und zu diesem komplizierten menschlichen Durcheinander wurde, das es heute ist. Und was seine (er klopft auf den Tisch) festen Grundbausteine sind. Amerika ist in gewisser Weise ein hoffnungsvoller Ort. Wir haben dieselben Probleme, die jeder andere auch hat. Aber weil wir einen späten Start hatten, sind manche von uns nicht so weit entwickelt (lacht). Die Literatur war da ein wunderbarer Lehrmeister. Es gab mal eine Zeit, in der ganz Amerika Ernest Hemingway gelesen hat und Fenimore Cooper. Diese Werke beeinflussten die Art und Weise, in der die Menschen ihre Leben lebten. Auch die Musik, die wir spielen, ist Ausdruck der Begeisterung, sein Leben zu leben, und es gut zu leben, in Amerika. Es ist also ein bisschen auch eine Erinnerung: „Hey, lasst uns nicht vergessen, wo wir herkamen.“

          Vogler: Ich kam in den neunziger Jahren in die Vereinigten Staaten und lernte nicht nur meine Partnerin dort kennen, sondern auch viele wunderbare Immigranten aus dem Europa des Zweiten Weltkrieges, die musikalisch gesehen immer noch den Ton angaben. Die meisten von ihnen sind mittlerweile leider nicht mehr am Leben. Wenn man nur an Leonard Bernstein denkt, den wir im Programm haben mit „Westside Story“.

          Wenn Literatur heute nicht mehr die Reichweite von früher hat, können Hollywoodfilme Ähnliches leisten?

          Murray: Filme sind wirklich die Grundbausteine amerikanischer Bildung. Die großen amerikanischen Filme stellen die Ideale wieder her, die alle Menschen teilen. Und das tun sie, indem sie Geschichten erzählen. Damit du sehen kannst, dass ein Mann oder eine Frau ein Leben leben kann und in einem Augenblick der Verzweiflung erkennt, was zu tun ist. Die Antworten sind hier, sie sind überall um uns herum. Du musst daran glauben. Und obwohl diese Dinge konstruiert sind und in einem Film stattfinden, geben sie dir die Hoffnung, dass du es schaffen kannst.

          Einige Amerikaner haben angekündigt, dass sie das Land verlassen würden, wenn Trump gewinnt.

          Murray: Das ist ein Statement ohne jede Hoffnung. Das ist Verzweiflung, das hat keinen Sinn. Man mag es lustig finden, so was zu sagen. Aber wem tut man einen Gefallen damit, wenn man abhaut? Und welches Land will jemanden haben, der ein Drückeberger ist? Wer will so jemanden? Die Antarktis. Die können dich dort im Schnee vergraben, damit die Pinguine jemanden zum Quatschen haben. Es hat keinen Sinn. Es gibt alle möglichen Formen von Widerständigkeit auf der Welt. In der Politik läuft es nicht so, wie du es dir wünschst? Hey, das sind Bedingungen, unter denen Charaktere geformt werden: Wenn es schwierig wird. Andere Politiker sind an der Macht? Well, wer bist du, wenn die Dinge nicht so laufen, wie es dir passt? Wenn da kein Geburtstagskuchen vor dir auf dem Tisch steht, wer bist du dann? Dann musst du trotzdem antreten.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Großbritannien und Iran : Zwei Tanker und eine Retourkutsche

          Kritiker werfen der Regierung in London vor, sie sei vom Machtkampf um die Nachfolge Mays abgelenkt. Tut sie zu wenig für die Sicherheit der britischen Schiffe im Persischen Golf?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.