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Zum Tod von Neville Marriner : Einer für alle

Sir Neville Marriner 1924 - 2016 Bild: dpa

Neville Marriner dirigierte nicht nur die Musik zum Oscar-Film „Amadeus“. Er war auch einer erfolgreichsten und medial fruchtbarsten Dirigenten des zwanzigsten Jahrhunderts. Jetzt ist er mit 92 Jahren gestorben.

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          Sir Neville Marriner, von Haus aus ein exzellenter Geiger, gründete 1959 die Academy of St Martin-in-the fields, ein Kammerorchester mit Musikern aus verschiedenen Londoner Symphonieorchestern, die von ihrem Berufsalltag enttäuscht waren, weil er ihnen zu wenig künstlerische und finanzielle Verantwortung abverlangte. Inspiriert durch seine Freundschaft mit dem Cembalisten und Musikwissenschaftler Thurston Dart, den Marriner als Verwundeter im Lazarett während des Zweiten Weltkriegs kennengelernt hatte, wandten er und das neugegründete Orchester sich der Musik des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts zu.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Anders als die Verfechter der historischen Aufführungspraxis wie Gustav Leonhardt oder Nikolaus Harnoncourt griffen Marriner und die Academy dabei nicht auf Originalinstrumente oder alte Spieltechniken zurück. Dabei gelang es ihnen, der jahrhundertelang vergessenen Musik von Arcangelo Corelli oder Francesco Manfredini binnen kurzer Zeit über den Schallplattenmarkt ein Massenpublikum zu erschließen.

          Beachtliche Breitenwirkung

          Marriner wollte als Dirigent kaum verstören oder polarisieren; er zielte auf Integration und Konsens ab. Die interpretatorische Leistung ist dennoch groß. Besonders an den Aufnahmen der Konzerte von Antonio Vivaldi kann man heute noch immer studieren, worin die musikgeschichtliche Leistung des Komponisten liegt: Er entdeckte das dramatische Potenzial der Tonalität, baute aus der Harmonik seine Großformen, nicht aus der Rhetorik, die bloßes Oberflächenphänomen bleibt. Die Entfernung von der Grundtonart und die Wiederannäherung an sie ist der Stoff, aus dem die erzählerische Spannung der Musik gewonnen wird.

          Durch die Aufnahme der Musik zum Film „Amadeus“ von Milos Forman und der Champions-League-Hymne für Fußball-Spiele entwickelte Marriner eine beachtliche Breitenwirkung. Mit knappen, effektiven, uneitlen Gesten wurde er einer der erfolgreichsten und medial fruchtbarsten Dirigenten des zwanzigsten Jahrhunderts. Sechshundert Aufnahmen mit über zweitausend Werken liegen von Marriner vor. Nur Herbert von Karajan hat diese Präsenz auf dem Schallplattenmarkt noch übertroffen. 

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