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Fleißer am Burgtheater : Im Freien ist es gar nicht so frei

Szene aus Ivo van Hoves Fleißer Abend am Wiener Burgtheater Bild: Matthias Horn

Überall schwere Ausdrucksnot: Am Wiener Burgtheater vereinigt der belgische Regisseur Ivo van Hove zwei Seelennotdramen von Marieluise Fleißer.

          4 Min.

          Von Marieluise Fleißer gibt es eines der quälendsten Bilder der gesamten Theaterliteratur. Es stammt aus ihrem Erstlingswerk „Fegefeuer in Ingolstadt“. Der exaltierte, verlegene und verdruckste Roelle, ein pubertierender Junge, der von der Liebe gehört hat, aber nicht weiß wohin mit seinen Trieben und religiösen Phantasien, sticht einem Hund Stecknadeln in die Augen und treibt den Gepeinigten dann durch die Stadt. Das wird erzählt, selbstverständlich nicht gezeigt, aber für den Hund wird es kein Fegefeuer gewesen sein, sondern die Hölle. Roelles Erklärung ist teuflisch: „Einem Hund was in die Augen tun ist nicht so einfach. Ich habe gedacht, wenn er schreit, das ist wie meine arme Seele.“

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

          Das Quälen der Kreatur, gleichgültig und mit Selbstlob des Könnens ausgeführt, um eigene Seelenqualen zu artikulieren. So, als rechtfertige Ausdruck alles. Die Jugend, die Fleißer uns zeigt, ist so. Sie leidet, weil sie verwirrt und eingeengt ist, und sie suhlt sich in ihrem Leid, weil es der einzige Ausdruck ist, den sie hat. Den Hund kann man ihr vorwerfen, das meiste andere nicht.

          Das meiste andere ist wie sich gegenseitig verletzen. Alle leiden als Außenseiter, aber Innenseiter gibt es nicht. Den moralischen Hochdruck üben die Außenseiter aufeinander aus, indem sie erpressen, höhnen, herabsetzen, bemuttern, steinigen oder sexuell bedrängen. Nach der Premiere bei den Salzburger Festspielen hat Ivo Van Hove dieses Seelennotdrama jetzt am Wiener Burgtheater inszeniert. Und zwar hat er zusammen mit seinem Dramaturgen Koen Tachelet die beiden Stücke Fleißers, „Fegefeuer in Ingolstadt“ und „Die Pioniere in Ingolstadt“ von 1926 und 1929 zu einem einzigen Stück, „Ingolstadt“, von gut zwei Stunden Länge vereinigt. Das Drama der Familiennöte im katholischen Milieu mit Tochter, die über Abtreibung nachdenkt, zurückgesetzter Schwester, die einen Mann braucht, und hilflosem Vater wird mit dem Drama der Bandengewalt junger Soldaten zusammengelegt, die unter den Mädchen der Orte, an denen sie Brücken bauen, keine Gefangenen machen.

          Jede Form mimetischer Rivalität wird ausgespielt

          Gestrichen werden die Ministranten und Schüler des ersten Stücks sowie die Vielfalt der Schauplätze des zweiten. Die Konzentration auf die Wechselrede in Kleingruppen funktioniert erstaunlich gut. Der Druck ist bei den Jugendlichen so stark wie bei den Soldaten. Jede Form mimetischer Rivalität wird ausgespielt: Wen du begehrst, den begehre ich eben darum auch. Ich begehre dich, aber wehe, du versuchst daraus etwas zu folgern. Ich werde schikaniert, das lasse ich an dir aus, musst du verstehen. Komm her, nein, geh weg („schwing dich“).

          Im Sex wird mehr die Freiheit als das Glück gesucht, weswegen er leicht auf Kosten der anderen geht. Die Zuwendung erfolgt nicht um des Gegenübers willen, sondern der Zuwendung halber. „Jetzt habe ich eine Lehne“, sagt Berta, die von Lilith Häßle in ihrer empörten Ratlosigkeit des Hinterherlaufens hinter dem Unglück grandios gespielt wird, „und weiß nicht, wie sie heißt“. Marie-Luise Stockinger entfaltet als schwangere Olga alle Facetten von verzweifelter Hilflosigkeit bis Kälte. Auch der Versuch Almas (Dagna Litzenberger Vinet), sich als Freudenmädchen aus der Enge zu lösen, scheitert: „Ich habe mich ins Freie gewagt, aber da war es nicht frei.“

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