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Rundfunkchor Berlin : In sicherer Obhut, am Rande des Abgrunds

  • -Aktualisiert am

Weihnachtskonzert mit dem Berliner Rundfunkchor im Berliner Dom Bild: Amin Akhtar

Von einer Krise der Rundfunkchöre ist kaum die Rede. Dabei geht es ihnen nicht besser als den Orchestern. Der Rundfunkchor Berlin verteidigt sich mit Exzellenz.

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          Nein, hier sollte man die Ode an die Freude nicht singen. Auch wer mit den Augen mehr hört als mit den Ohren, alle merken es sofort: Von diesem Raum werden die Töne verschluckt, sie schwimmen weg und fliehen nach oben, zur Seite, in alle Richtungen. Eine Kirche wie diese, wilhelminisch, bombastisch, eklektizistisch, ist mit ihrer Riesenkuppel für komplexer gebaute Musikstücke einfach nicht geeignet. Selbst der im Berliner Dom ansässige Knabenchor, firmierend als „Staats- und Domchor“, nimmt seine CDs tunlichst nicht hier, sondern anderswo auf. Aber trotz alledem: Gegen Jahresende, wenn die Weihnachtstouristen sich wieder Unter den Linden drängen, verwandelt sich dieser akustische Albtraum vorübergehend in einen der beliebtesten Konzertsäle der Hauptstadt. Ja, sogar der Rundfunkchor Berlin, einer der weltbesten Profichöre, pflegt sein traditionelles Weihnachtskonzert im Dom zu geben.

          Meist singt der Rundfunkchor Berlin im Dom zu Weihnachten alte Musik, a-cappella. Diesmal aber hatte der junge Chefdirigent, Gijs Leenaars, eine Rarität aufs Programm gesetzt. Fürs Experimentelle, noch Unerhörte und für die Musik der Zukunft und Gegenwart ist dieser Chor, der kürzlich seinen neunzigsten Geburtstag beging, in den zwanziger Jahren nämlich geschaffen worden. Begleitet vom Deutschen Symphonie-Orchester gab er zu Weihnachten das opernhafte, ursprünglich fürs Theater als Schauspielmusik konzipierte Oratorium „Le Roi David“ von Arthur Honegger zum Besten, live übertragen vom Deutschlandfunk. Zu Silvester indes triumphiert die Tradition. Beethovens Chorsymphonie Nr.9 d-moll gibt es da zu hören, wo sie hinpasst: nämlich im Konzerthaus am Gendarmenmarkt, mit dem Rundfunkchor Berlin und dem Rundfunkorchester Berlin, unter Leitung von Marek Janowski.

          Für Janowski ist diese Berliner Silvester-Neunte heute abend ein Abschiedskonzert. Er verlässt sein Rundfunkorchester Berlin, das er, als er 2002 kam, vor dem fast schon sicheren Fusions-Untergang gerettet hatte. Wie kein Dirigent sonst hat Janowski immer wieder neu für diesen und alle übrigen Rundfunkklangkörper gestritten. Wäre er nicht gewesen, wäre dieses älteste Rundfunkorchester Deutschlands als erstes, lange vor dem SWR-Sinfonieorchester geopfert und aufgelöst worden. Das Argument ist schlicht und schlagend, man muss es nur immer wiederholen: Rundfunk-Klangkörper sind nötig, weil sie, seit ihrer Gründung und bis heute, als Garanten für die Weiterentwicklung der zeitgenössischen Musik eintreten. Einst gegründet, um die Archive mit sendefähigen Musikaufnahmen zu füllen, sind sie inzwischen in die Rolle der Vorreiter eingetreten: Avantgarde, was die Möglichkeit intensiverer Probenarbeit anbelangt, aber auch die exemplarische Präzision und Klarheit der Darbietung. Bei dieser Erfüllung eines gesellschaftlichen Kulturauftrags, gestützt und geschützt durch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, sollten sie nicht behelligt werden von lobbyistischen Wegspar-Palavern.

          Von einer Krise der Rundfunkchöre ist weniger oft die Rede. Dabei geht es ihnen keinen Deut besser als den Rundfunkorchestern: Sie arbeiten zwar in sicherer Obhut, doch am Rande des Abgrunds. Seit die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ihren Kulturauftrag eher so verstehen, dass sie die Urheber von Kultur, nämlich die Künstler, Dichter, Denker und Musiker, in die Wüste schicken, um schneller mitrennen zu können bei der Jagd auf die Quote; seit sie Livekulturprojekte abschaffen, dritte Programme kleinhäckseln, ästhetisch gleichschalten und verpopmusikalisieren; seit sie elaboriert inszenierte Onlineangebote und frische Jugendwellen kreieren, ohne zu bemerken, dass streamende, downloadende Menschen unter Dreißig sich für derlei Bespaßung überhaupt nicht interessieren – seither steht jedes der rundfunkeigenen Musikensembles grundsätzlich zur Disposition. Und es stehen, seit ausgerechnet im reichen Süden der Republik das erste der deutschen Rundfunkorchester per Rundfunkrats-Federstrich abgeschafft wurde, nun alle unterm Damoklesschwert des Dominoeffekts.

          Im Ausland dagegen schaut man mit Bewunderung und vielleicht auch etwas Hunger auf das, was die deutschen Rundfunk-Klangkörper (sich) künstlerisch so alles leisten. Als der Rundfunkchor Berlin im Herbst nach New York eingeladen wurde, waren die Karten im Vorverkauf ruckzuck ausverkauft und alle Zeitungen, selbst die örtlichen Fernsehstationen, gerieten ganz aus dem Häuschen. Der Chor eröffnete das „White Light“-Festival im Lincoln Center mit dem Deutschen Requiem von Johannes Brahms, das in der kühlen Klavierfassung als ein „human requiem“ mitten im Publikum stattfindet – eine schon ältere, halbszenisch von Jochen Sandig choreographierte Produktion, die bereits auf Tourneen in Hongkong und Paris Furore gemacht hatte. Alex Ross vom „New Yorker“ beschrieb dieses innovative Brahms-Wandel-Konzert als ein Schockerlebnis. Man werde hineingespült in ein „tönendes Gewimmel“, und erfahre die Musik neu, „als eine rein physische Sensation“. Auch die „New York Times“ jubelte und setzte den Berliner Rundfunkchor dafür auf die Jahresbestenliste: „Best Classical Music 2016“.

          Mit Wandelkonzerten und szenischen Projekten wie diesem hatte der Rundfunkchor Berlin unter seinem langjährigen britischen Chefdirigenten Simon Halsey immer wieder neu versucht, die unsichtbare vierte Wand einzureißen. „Runter vom Podium“ heißt die Parole. Das war, zumal in Deutschland, wo Profi- wie Laienchöre, anders als in Skandinavien oder Großbritannien, immer noch ein seltsam spezialistisches Schattendasein führen, gar nicht so leicht. Es ist zwar gut, dass alle großen Orchester, wenn sie einen Chor brauchen, nach den Rundfunkchören rufen. Die Berliner Philharmoniker, zum Beispiel, rufen nach dem Berliner Rundfunkchor. Aber das reicht nicht mehr aus, meint Halsey (der mit seinem Freund, Simon Rattle, aus Birmingham nach Berlin kam und jetzt, kurz vor Rattle, wieder Richtung Heimat verschwunden ist). Und das meint auch Chordirektor Hans-Hermann Rehberg. Höchste Zeit, dass Rundfunkchöre sich ihr eigenes Publikum schaffen, das Image der Chormusik aufpolieren und sie herausführen aus der Gemütlichkeitsnische.

          Also hat der Rundfunkchor Berlin neue Formate erfunden, die mittlerweile von anderen Chören weitergeführt werden: Neben den Wandelkonzerten, zum Beispiel, das „Mitsing-Konzert“,wozu große Literatur gemeinsam mit Laien zunächst arbeitsintensiv einstudiert, dann aufgeführt wird. Da saßen mehr als tausend solcher „Mit-Sänger“ mitten im Publikum bei Giuseppe Verdis Requiem oder Franz Schuberts Es-Dur-Messe. 2016 wuchs dem „Mitsing-Konzert“ ein internationaler Ableger in Wien, 2017 wird der Rundfunkchor Berlin erstmals ein „Mitsing-Konzert“ in Paris organisieren, mit dem Requiem von Maurice Duruflé.

          Doch ob auf oder neben dem Podium, ob hohe Romantik oder tief ins Kontrapunktische verstrickte a-cappella-Künste – eine Spezialisierung in jedwede Richtung darf das Klangbild eines Profichores nicht flach und verwechselbar machen. Zu groß ist inzwischen die Konkurrenz der vielen guten, ehrgeizigen Laienchöre. Man muss nur einmal miterlebt haben, wie Gijs Leenaars, der 2015 die Nachfolge von Halsey antrat, an Intonation und Beweglichkeit herumfeilt, Artikulation und Balance, Schatten und Licht modelliert, sei es bei einer Schütz-Motetten-Probe oder bei Schönbergs „Friede auf Erden“: Da gibt es kein Vertun. Was sehr gut ist, kann immer noch besser werden. Das Profil, das dieser, wie alle Rundfunkchöre zu verteidigen haben, heißt: Exzellenz.

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