https://www.faz.net/-gqz-8mvzy

„Othello“ in Dresden : Da versinkt selbst die Bühne im Boden

  • -Aktualisiert am

Noli me tangere: Othello (Ahmad Mesgarha) hat sich vergriffen. Bild: Krafft Angerer

Selten klang Shakespeare so bedeutungslos wie in Arnarssons Dresdner „Othello“-Inszenierung. Aus einem Höllen-Stück wird bei ihm eine blöde zwinkernde Parodie.

          Mit einem einfachen Buh ist diese Sache nicht getan. Selbst Tomaten, faule Eier wären nicht genug. Im Ernst: Das kann man nicht einfach achselzuckend über sich ergehen lassen, drei Stunden lang artig seine Hustenbonbons zählen und auf dem Nachhauseweg flüstern: „Aber wenigstens die Kostüme waren ganz hübsch.“ Nein, was da Samstagabend am Staatsschauspiel Dresden auf der großen Bühne als A-Premiere präsentiert wurde, verlangt nach klaren Worten. Wer hier noch zerknirscht ein Blatt vor den Mund nimmt, anstatt es zerknüllt auf den Boden zu werfen und seinem Ärger freien Lauf zu lassen, der ist Theatergänger aus Verlegenheit, nicht aus Leidenschaft.

          „Othello“ sollte gezeigt werden, Shakespeares Höllenstück, das so unerbittlich grausam ist, weil hier das Böse ganz nonchalant auftritt, weil hier die Hölle kein ferner Bezirk mehr ist, vor dem man lange zittern könnte, sondern im heimtückischen Betrug des engsten Freundes ganz plötzlich zur unmittelbaren Gegenwart wird. Da, wo Jago auftritt, tut sich ein Höllenschlund auf. Wo er seinen Vorgesetzten, den dunkelhäutigen Othello, in die Irre führt, belügt, anstiftet und schließlich mit ruhiger Hand in den Abgrund stößt, wo er ihn durch wenige Sätze für immer zum Rasenden macht, der an seiner Eifersucht zerbricht, da sind wir mitten drin im Fegefeuer.

          Jago foltert zum Zeitvertreib

          Jago – das ist eine Mischung aus Brutus und Edmund, eine so perfide Verrätergestalt, dass man ihm jeden Atemzug missgönnt. Er, der eine sadistische Lust daran hat, die Menschen gegeneinander aufzuhetzen und leiden zu sehen, erscheint auch deshalb als ein solches Ungeheuer, weil er kein deutliches Motiv hat, gewissermaßen zum Zeitvertreib foltert. Was er eigentlich im Schilde führt, bleibt bis zum Schluss im Ungefähren. Will er Othellos Posten? Liebt auch er heimlich dessen schöne Frau Desdemona? Ist er ein gekränkter Held oder ein eingefleischter Rassist? Oder hat sein Hass pathologische Gründe? In Jagos Boshaftigkeit verbirgt sich eine Leerstelle, ein Geheimnis, das erspielt werden will.

          Wenn man ihn aber, wie an diesem trostlosen Dresdner Theaterabend, als schwachschwülstiges Männchen mit Hipsterbärtchen, lackierten Fingernägeln und engen Leder-Leggings auf die Bühne stolpern lässt, dann ist vom ersten Moment an klar, dass hier ein Einsatz geboten wird, um den zu spielen nicht lohnt. Nach zwei Minuten ist schon die Hose runter, wenig später wirft Jago, dargestellt von Daniel Sträßer, dem Publikum erst ein Taschentuch („Danke, Helene“), dann eine Unterhose („Herzlichen Glückwunsch“) zu. Jago als Klassenclown – das kann nur schiefgehen. Denn wer Jago entschärft, nimmt gleichzeitig in Kauf, dass auch die anderen Figuren nicht zünden.

          Da wird einem ganz rot vor Augen: Das Dresdner Theaterpersonal schaufelt was weg.

          Da kann Ahmad Mesgarha zu Beginn noch so sehr beteuern, dass er seinen fremdländisch klingenden Namen als Maske trage und daher keine schwarze Gesichtsfarbe brauche, sein Othello wird nie etwas von dem verletzlichen Stolz des Außenseiters haben, der seine militärischen Leistungen dadurch gewürdigt wissen will, dass man ihm zubilligt, eine weiße Frau zu lieben. Nie wird er jener geilen Lüsternheit verfallen, die umschlagen kann in den irren Hass auf diejenige, die das Bett angeblich mit einem anderen geteilt hat. Es fehlt ihm der intrigante Einflüsterer, der böse Medizinmann, der ihm das tödliche Gift des Verdachts einträufelt, ihn verhext. Und so bleibt er einfach nur das, was er in Wirklichkeit ist: ein Anzugträger mit persischem Nachnamen und FDJ-Vergangenheit, der ein bisschen Shakespeare deklamiert.

          Egal, wo die Inszenierung von Thorleifur Örn Arnarsson ansetzt, sie bringt nichts als Unzulänglichkeit und Unsinn hervor. Dem geradezu höhnischen Desinteresse an den psychologischen Tiefen des Stückes beziehungsweise seiner Figuren entspricht die Verwendung der Übersetzung von Erich Fried, die Shakespeares Sätzen jeden bedrohlichen Unterton nimmt, sie oft verniedlicht, mitunter sogar unfreiwillig komisch macht. Als letzter Ausweg bleibt da nur noch der hilflose Griff zur Theatermaschine: Die Bühne fährt vor und zurück, dreht sich im Kreis, versinkt im Boden.

          Desdemona (Katharina Lütten) scheint dieser Othello (Ahmad Mesgarha) sprachlos zu machen.

          Doch ganz gleich, wie viele Kulissen hin und her geschoben werden: Die Manöver führen stets ins Nichts. Daran kann auch die musikalische Untermalung nichts ändern. Wer allen Ernstes „Women is a Devil“ von den „Doors“ einspielen muss, um die richtige Stimmung zu erzeugen, kann wirklich nach Hause gehen. Desdemona, verkörpert von Katharina Lütten, bleibt die meiste Zeit unter einer gewaltigen Perücke begraben, nur am Ende darf sie sich kurz die Brüste schwarz färben und ein wenig herumkreischen. Von ihrer stillen Traurigkeit, einer moralischen Überlegenheit der Unschuldigen, darf sie nichts zeigen.

          Der aus Island stammende Arnarsson, der auch Opern inszeniert und mancherorts als Geheimtipp gehandelt wird, hat hier so gedanken- und gefühllos Regie geführt, dass es kaum zu ertragen ist. „Hört auf“, will man den Schauspielern zurufen, wenn wieder mal ein Gewaltausbruch zum Slapstick, eine Demütigung zur blöd zwinkernden Parodie wegrutscht, sie sich stechen wollen, dabei aber nur ein Kitzeln herauskommt. Selten klang Shakespeare so bedeutungslos wie an diesem Abend. Selten waren seine Sätze so ohne Wirkung, ohne Nachhall. Als hätte der Regisseur mit Absicht alles Gefährliche weggelassen, alle Bestien und Monster ausgesperrt, um einen Streichelzoo zu eröffnen – keine Angst, sie tun gar nichts, diese Shakespeare-Figuren!

          In einem Haus, das in den letzten Jahren immer wieder mit seinen Shakespeare-Bearbeitungen von sich hat reden machen (Roger Vontobels „Hamlet“-Inszenierung 2012 mit Christian Friedel etwa hat inzwischen Kultstatus erreicht), ist so eine banale Diminutivform besonders peinlich. Wenn von dem vielen, nur das eine, dann handelt „Othello“ vom Betrug. An diesem nebligen Herbstabend sah man auf der Bühne davon nichts, im Zuschauerraum fühlte man ihn dafür umso mehr.

          Weitere Themen

          Faszinierende Kunst am Strand Video-Seite öffnen

          Geheime Ausstellung : Faszinierende Kunst am Strand

          Kunstfestivals finden oft in großen Städten statt - nicht so in Bombay Beach in Kalifornien. Hier findet einmal im Jahr das "Bombay Beach Festival" statt, das beeindrucke Impressionen für ein - bewusst - kleines Publikum bietet.

          Topmeldungen

          FAZ Plus Artikel: Organisierte Kriminalität : Grenzenlose Großfamilien

          Kriminelle Großfamilien agieren weit über die lokalen Stadtgrenzen hinaus, ihre Verbindungen reichen bis ins Ausland. Nun will das BKA stärker gegen Clan-Kriminalität vorgehen – und deren Netzwerke genau unter die Lupe nehmen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.