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Münchner Cuvilliés-Theater : Die Liebe, die nicht glücken will

  • -Aktualisiert am

So wird das nichts: Mathilde Bundschuh als Nina und Michele Cuciuffo als Trigorin Bild: F.A.Z.

Alvis Hermanis inszeniert Tschechows „Möwe“ am Münchner Cuvilliés-Theater. Der Regisseur gilt als konservativ. Bleibt sein Wasservogel am Boden oder erhebt er sich in die Lüfte?

          Unsere Zeit vergeht. Die Tage fallen wie Blätter vom Baum. Draußen treibt der Sturm große Wellen in den See und weht den Vorhang der alten Sommerbühne auf. Drinnen sitzen sie auf Stühlen und trauern um ihr Leben. Um die Liebe, die nicht glücken, nicht erwidert werden will. Der ungeschickte Lehrer liebt die Alkoholikerin Mascha. Die vergöttert den angehenden Künstler Konstantin, der wiederum liebt Nina, die schöne Tochter eines reichen Gutsbesitzers, während jene den Erfolgsschriftsteller Trigorin verehrt, der wiederum an die Schauspielerin Irina gebunden ist. Daneben hat der Arzt noch eine Liaison mit der Frau des Gutsverwalters, und auch der kranke Hausherr fühlt sich zur Schönheit der Jugend hingezogen. Alle lieben, aber niemand lebt.

          In Tschechows „Möwe“ geht es um eine Stimmung von unendlicher Vergeblichkeit. Fast kein Satz, der nicht in irgendeiner Weise Enttäuschung ausdrückt, der nicht von Verlorenheit handelt und von Bedauern. „Ich bin ein Mann, der wollte“ sagt Sorin (illusionslos: René Dumont), der achtundzwanzig Jahre als Beamter verbracht hat, aber eigentlich Künstler werden wollte. Jetzt sitzt er in seinem Rollstuhl und muss sich vom Arzt verhöhnen lassen. Er ist eigentlich die tragischste Figur von allen, denn während die anderen wenigstens noch träumen und klagen, ist bei ihm von Anfang an schon alles vorbei. In Alvis Hermanis Inszenierung hält er sich deswegen beziehungsreich gleich zu Beginn eine Pistole an die Schläfe.

          „Na, wie ist die Stimmung?“

          Durch die quietschenden Flügeltüren treten dann nach und nach die Protagonisten ein, es soll eine Theatervorstellung geben, Konstantin hat für seine verehrte Nina einen Monolog geschrieben. Aber seine Mutter, die berühmte Schauspielerin aus Moskau, und die versammelten Gäste haben nur Spott für den schwülstigen Symbolismus des jungen Stürmers übrig. Konstantin stürmt verletzt hinaus, und Nina, die schöne Unschuldige, lernt den Erfolgsschriftsteller Trigorin kennen. Eigentlich beginnt nun ein inniger Seelenaustausch zwischen den beiden, redet der umjubelte Autor mit ihr so ehrlich zweifelnd wie mit keinem anderen. Sie, die angehende Schauspielerin, hängt an seinen Lippen und verführt ihn mit ihrem Staunen. Er nennt sie „Möwe“ und schreibt sich erste Stichworte für eine Erzählung in den Block: „Junges Mädchen, das an einem See groß wird. Frei wie eine Möwe.

          Zufällig kommt ein Mann an diesen See, sieht das Mädchen und vernichtet es. Nur so. Ohne besonderen Grund.“ Es gibt zwischen den beiden bei Tschechow eine schneidende Nähe. Davon ist bei Hermanis in München nicht viel zu spüren. Der Schriftsteller, so wie ihn Michele Cuciuffo gibt, ist ein arglos einfacher Mensch, den nichts richtig rühren kann. Mit übersichtlicher Leidenschaft hebt er Nina aufs Knie und pult ihr mit dem Zeigefinger im Nacken herum.

          Mathilde Bundschuhs Nina hingegen umstrahlt eine Anmut von scheuem Verlangen. Auf ihrem klaren, schönen Gesicht spiegelt sich Überraschung und Unentschiedenheit, der Zweifel, ob sich ihr Traum wirklich erfüllen kann: die Geliebte eines erfolgreichen Schriftstellers zu sein, nach Moskau ans Theater zu gehen, berühmt zu werden. Für sich spielt diese Nina groß und facettenreich, aber sie findet hier keinen Partner. Nicht in Trigorin und schon gar nicht in Konstantin, den Marcel Heuperman als ein beschränktes Riesenbaby gibt, dem man ein bisschen quengelige Unzufriedenheit zutraut, aber keine brennende Eifersucht. Und schon gar kein wirkliches Sehnen nach künstlerischem Ausdruck und „neuer Form“, das tödlich endet.

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