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Tanzstück „All the Good“ : Leiden an der Welt bis zur Erschöpfung

  • -Aktualisiert am

Tun, was die Nackenhaare sträubt: Die Needcompany von Jan Lauwers Bild: Foto Ruhrtriennale

Das neue Tanzstück der Needcompany, uraufgeführt bei der Ruhrtriennale, zeigt die Welt, wie sie ist, ohne abzustoßen. Das ist ernst, unterhaltsam, politisch – und vor allem tröstlich.

          „Wie bescheuert kann die Grundidee zu einer Fernsehserie sein? Natürlich niemals so bescheuert wie das echte Leben.“ Mit diesen Worten vernichtete ein Rezensent kürzlich die Vorstellung, die fabelhafte Netflix-Serie „How to Sell Drugs Online (Fast)“ basiere auf einer ausgedachten Geschichte. Nein, einen Teenager, der mit dem Online-Drogenhandel millionenschwer wurde, gab es tatsächlich. Die bemerkenswerte Sprache der Serie kennt kein Mitleid mit Teenager-Eltern. „Explizit“ ist eine Untertreibung für die Ausdrücke und Benennungen etwa sexueller Praktiken, die hier Erwähnung finden.

          Es wirkt aber gar nicht abstoßend, sondern im Gegenteil beruhigend, zu sehen, wie unbeirrt und unbeschädigt diese Nicht-mehr-Kinder mit einer Welt fertigwerden, die sie sich nicht ausgesucht haben, einer Welt, in der sich Eltern anschreien, sich allein lassen und ihre Kinder auch.

          Klingt das moralisch? Gut! Das trifft genau ins Herz des neuen, tollen Stücks der 1986 gegründeten flämischen „Needcompany“. Aus zwei Gründen ist „All the Good“, dieser zwischen Schauspiel, Tanz, Konzert, bespielter Installation und Vortrag schwankende Hybrid von einem Theaterabend noch viel phantastischer, lustiger und befreiender als „How to Sell Drugs“. Erstens ist es live. Live! Zweitens sind in „All the Good“, das jetzt im Rahmen der Ruhrtriennale in der Maschinenhalle Zweckel uraufgeführt wurde, die Erwachsenen keine selbstverschuldeten Opfer ihrer eigenen Mittelstandslangeweile, sondern führen auch so etwas, das den Namen „Leben“ verdient.

          Wie ein Treffen mit alten und jungen Freunden

          Alles, was einem normalerweise die Zuschauernackenhaare sträubt, tun Jan Lauwers, Autor, Regisseur und dekorativ am Rand des Geschehens herumlungernder Akteur und seine Partnerin Grace Ellen Barkey, Künstlerin, Choreographin und Tänzerin, in gleicher Weise wie ihre gerade erwachsen gewordenen Kinder Victor Lauwers und Romy Louise Lauwers. Sie und weitere phantastische Mitstreiter spielen sich selbst oder vielmehr eine fiktionalisierte Version ihrer hemmungslos liebevollen und offenherzigen Theater-Familie in einer Art Werkstatt oder Atelier. Eine besondere Rolle nimmt als Freund der Tochter ein ehemaliger Elitesoldat der israelischen Armee ein, der Tänzer Elik Niv, der mit aller Schärfe befragt wird, wie er das Töten habe über sich bringen können. Nun, unter anderem durch sprachliche Distanzierung von dem eigentlichen Akt: Sie nannten es „Ohren sammeln“.

          Stellvertretend für tabuisierte Handlungen wird auf der Bühne in zwei Stunden Nacktheit spielerisch, zärtlich, gewalttätig und manchmal obszön ausgestellt. Sexualität und Liebe sind Gegenstand von Gesprächen zwischen Kindern und Eltern. Gezeigt wird der gelungene Übergang in eine neue Stufe von familiärer Intimität: all das Gute eben. Nur scheinbar nebenbei werden Fragen militärischer Konflikte erörtert. Rogier van der Weydens in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts entstandenes Bild der Kreuzabnahme wird als Selbstporträt eines Künstlers interpretiert, der sein Leben hingibt an die Kunst, der für das Leiden an der Welt Ausdruck sucht bis zur Erschöpfung. Kunst soll nicht weniger sein als das, findet die Needcompany – voller Politik, aber nicht so platt wie Politik.

          Vieles an diesem Abend ist sehr ernst und betrifft Fragen unseres Verhältnisses zur Welt. Manches ist witziger Unsinn, verspielter, poetischer Quatsch. Die Kompositionen des charismatischen Musikers Maarten Seghers halten den Abend rhythmisch und emotional zusammen und begleiten die interessanten Tänze. Es ist eine außergewöhnlich schöne Erfahrung, diesem Theater beizuwohnen, es ist, als ginge man mit alten und jungen Freunden essen, säße an einem sehr großen Tisch sehr lange zusammen und alle brächten alles zur Sprache, was sie beschäftigt. Und sei es noch so bescheuert. Man findet nicht alles richtig, was gesagt wird, aber man ist dankbar, teilen zu können, „All the Good“.

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